VI. Die Arroganz-Bilanz

Der Begriff „westdeutsche Arroganz“ trifft historisch einen realen Teil der Vereinigungsmentalität, sollte aber nicht pauschal auf „die Westdeutschen“ übertragen werden. Belegt sind vielmehr eine institutionelle Überlegenheitsposition, stereotype Abwertungen des Ostens und eine Vereinigung, die überwiegend als Anpassung der DDR an das westdeutsche Modell organisiert wurde. Die bpb beschreibt genau diesen Modus: Ostdeutsche erschienen nach 1990 vielfach als die „minderen Brüder und Schwestern“, die weniger besaßen, weniger leisteten und weniger wussten; Begriffe wie „Jammer-Ossi“ und „Besser-Wessi“ wurden Ausdruck dieser gegenseitigen, aber asymmetrisch wirksamen Zuschreibungen. bpb.de

Heute lässt sich diese damalige Selbstgewissheit kritisch spiegeln. Allerdings nicht nach dem simplen Muster „DDR gut – BRD schlecht“, sondern mit der Frage: Welche Leistungen der DDR wurden 1990 vorschnell entsorgt oder geringgeschätzt, obwohl die Bundesrepublik heute gerade in diesen Bereichen mit erheblichen Problemen kämpft?

Was blieb von der westdeutschen Überlegenheit?

Im Vokabular der alten Bundesrepublik gab es jahrzehntelang einen besonders liebevollen Ausdruck für die Menschen östlich der innerdeutschen Grenze:

„unsere Brüder und Schwestern in der Zone“.

  • Das klang familiär.
  • Es klang solidarisch.
  • Es klang fast zärtlich.

Nur war das Verhältnis der Geschwister eigentümlich geregelt:

  • Der eine Bruder wusste bereits, wie die Welt funktioniert.
  • Die Schwester im Osten musste es nur noch lernen.

1990 wurde aus der rhetorischen Verwandtschaft schließlich eine gemeinsame Wohnung.

Und erstaunlicherweise stellte sich heraus:

Der westdeutsche Bruder brachte nicht nur den Kühlschrank mit.

Er bestimmte auch die Hausordnung.

  • Die Währung.
  • Das Recht.
  • Die Institutionen.
  • Die Eigentumsordnung.
  • Die Lehrbücher.

Und weitgehend auch die Interpretation der gemeinsamen Familiengeschichte.


1. Vom „Bruder und Schwester“-Pathos zum „Besser-Wessi“

Das Gefühl westlicher Überlegenheit nach 1990 ist keine spätere ostdeutsche Erfindung.

Zeitgenössische Untersuchungen dokumentieren die stereotype Vorstellung des Ostdeutschen als unselbstständig, obrigkeitshörig, provinziell, unproduktiv und an staatliche Versorgung gewöhnt.

Umgekehrt entstand die Figur des

„Besser-Wessi“:

  • belehrend,
  • selbstgerecht,
  • überheblich
  • und überzeugt davon, das überlegene System nicht nur zu besitzen, sondern selbst dessen lebender Beweis zu sein.

Das „Besser-Wessi“-Stereotyp gewann 1991 sogar die Wahl zum Wort des Jahres.

Einzelne zeitgenössische Stimmen gingen sehr weit. Der Historiker Arnulf Baring bezeichnete Ostdeutsche 1991 beispielsweise als durch das DDR-System in Ausbildung und Sozialisation weitgehend beschädigt und teilweise beruflich unbrauchbar – eine Position, die geradezu exemplarisch für die damalige Abwertungsrhetorik wurde.

Das Entscheidende war aber weniger die persönliche Arroganz einzelner Westdeutscher.

Es war die

strukturelle Arroganz der BRD-Eliten.

Denn 1990 wurde nicht gefragt:

Was können beide Systeme voneinander lernen?

Sondern überwiegend:

Wie schnell lässt sich das westdeutsche System auf den Osten übertragen?

Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt den Vereinigungsmodus entsprechend als Anpassung des Ostens an den Westen.

Das westdeutsche System galt nicht als eines von zwei historischen Modellen mit jeweiligen Stärken und Schwächen.

Es galt als:

Sieger.

Und Sieger lernen bekanntlich selten vom Verlierer.


2. 36 Jahre später: Der Sieger hat inzwischen selbst Probleme

Gerade deshalb lohnt ein Blick auf das Deutschland des Jahres 2026.

Nicht um nachträglich die DDR zum besseren Staat zu erklären.

Das wäre historisch ebenso falsch.

Die DDR war keine liberale Demokratie. Sie behauptete die „sozialistische“ Demokratie

Es gab keine freien gesamtstaatlichen Wahlen, keine freie Presse im westlichen Sinne, erhebliche politische Repression und ein ausgebautes System staatlicher Überwachung.

Aber ein politisch autoritäres System kann trotzdem einzelne funktionierende soziale Institutionen hervorgebracht haben.

Und eine parlamentarische Demokratie kann gleichzeitig schwere Funktionsprobleme entwickeln.

Wer 1990 glaubte, mit dem Ende der DDR sei damit auch die Frage nach sozialistischen oder ostdeutschen Erfahrungen erledigt, könnte heute manches neu betrachten.


3. Bildung: Wie konnte der „ungebildete Osten“ plötzlich lesen?

Ein Beispiel ist die Bildung.

Heute besitzt Deutschland ein Problem, das in der öffentlichen Diskussion erstaunlich wenig zum Selbstbild der Bildungsnation passt.

Die große LEO-Studie der Universität Hamburg ermittelte, dass in Deutschland rund

6,2 Millionen deutschsprechende Erwachsene

zwischen 18 und 64 Jahren nur geringe Lese- und Schreibkompetenzen besitzen.

Das waren 12,1 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe.

Dabei sollte man korrekt von geringer Literalität und nicht pauschal von Analphabetismus sprechen.

Viele Betroffene können einzelne Wörter oder kurze Sätze lesen, haben aber erhebliche Schwierigkeiten mit zusammenhängenden Texten.

Für die DDR gibt es keine methodisch unmittelbar vergleichbare LEO-Erhebung.

Man kann deshalb wissenschaftlich nicht behaupten:

„In der DDR gab es keinen Analphabetismus.“

Was sich jedoch feststellen lässt:

Das DDR-System legte großen Wert auf allgemeine Schulbildung, berufliche Qualifikation und eine möglichst vollständige Einbindung der Bevölkerung in Schule, Ausbildung und Arbeitsleben.

Das Ergebnis war eine Gesellschaft, in der elementare Lese- und Schreibfähigkeit weithin selbstverständlich war.

Das ist zumindest ein bemerkenswerter Kontrast zu einem heutigen Deutschland, in dem Millionen Erwachsene trotz jahrzehntelanger Schulpflicht erhebliche Probleme mit Lesen und Schreiben haben.

Vielleicht hätte man 1990 also nicht jede DDR-Bildungserfahrung unter der Überschrift

„ideologische Erziehung“

archivieren sollen.


4. Kinderbetreuung: Was 1990 antiquiert erschien, wird heute wieder gesucht

Noch deutlicher ist der Vergleich bei der Kinderbetreuung.

1989 verfügte die DDR über ein nahezu flächendeckendes System.

94 Prozent der Kinder im Kindergartenalter konnten betreut werden.

Bei Krippenkindern lag der Versorgungsgrad bei ungefähr 80 bis 84 Prozent.

Hortplätze standen für mehr als 80 Prozent der Grundschulkinder zur Verfügung.

Die Betreuung war stark staatlich organisiert und selbstverständlich auch mit politischer Sozialisation verbunden.

Das gehört zur Wahrheit.

Aber sie ermöglichte zugleich eine außergewöhnlich hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen.

1989 waren rund 91 Prozent der Frauen im erwerbsfähigen Alter entweder berufstätig, in Ausbildung oder im Studium.

Die westdeutsche Frauen- und Familienordnung sah damals völlig anders aus.

Noch 1988 war ganztägige Betreuung in Westdeutschland nur für einen kleinen Teil der Kinder verfügbar.

1989 lag die Erwerbsquote der Frauen in der DDR bei rund 78 Prozent, in der Bundesrepublik bei etwa 53 Prozent.

Heute gilt der Ausbau der Kinderbetreuung selbstverständlich als Voraussetzung moderner Familien- und Arbeitsmarktpolitik.

Und selbst 2026 besteht der alte Ost-West-Unterschied fort:

Bei unter Dreijährigen lag die Betreuungsquote in den östlichen Ländern einschließlich Berlin bei 53,5 Prozent, im Westen lediglich bei 34,1 Prozent.

Man könnte deshalb durchaus fragen:

Was 1990 als sozialistisches Betreuungssystem galt, heißt heute

„Vereinbarkeit von Beruf und Familie“.

Geschichte besitzt Humor.


5. Gesundheitswesen: Die Poliklinik kehrt unter anderem Namen zurück

Auch das DDR-Gesundheitswesen wurde nach 1990 weitgehend aufgelöst beziehungsweise in das westdeutsche System überführt / privatisiert.

Eine seiner charakteristischen Einrichtungen war die

Poliklinik.

Mehrere Fachrichtungen arbeiteten unter einem Dach.

Ärzte waren überwiegend angestellt.

Ambulante Behandlung, Fachmedizin, Vorsorge und teilweise soziale Betreuung waren institutionell miteinander verbunden.

Zusätzlich existierte ein ausgebautes Betriebsgesundheitswesen.

Dieses System hatte erhebliche Probleme:

Materialmangel,

teilweise veraltete Medizintechnik,

begrenzte Arzneimittelverfügbarkeit

und politische Steuerung.

Aber die Organisationsidee einer integrierten ambulanten Versorgung war keineswegs absurd.

Interessanterweise entstanden nach der Einheit wieder Einrichtungen, die funktional gewisse Ähnlichkeiten besitzen:

Medizinische Versorgungszentren.

Natürlich sind MVZ keine Wiederkehr der DDR-Poliklinik.

Aber die Grundidee – mehrere angestellte Ärzte verschiedener Fachrichtungen in einer gemeinsamen ambulanten Struktur – wirkt heute erheblich weniger exotisch als 1990.

Gleichzeitig steht Deutschland vor einem erheblichen Pflegeproblem.

Das Statistische Bundesamt erwartet wegen steigender Pflegebedürftigkeit und des Ausscheidens der Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt langfristig eine wachsende Lücke zwischen Pflegekräfteangebot und Pflegebedarf.

Vielleicht war also auch hier die richtige Frage 1990 nicht:

„Wie schaffen wir das DDR-System ab?“

Sondern:

„Welche seiner organisatorischen Lösungen sollten wir bewahren?“


6. Wohnen: Der Markt hat die Wohnungsfrage auch nicht gelöst

Ein weiteres Lieblingsargument gegen die DDR war:

Wohnungsnot.

Und diese Kritik war berechtigt.

1990 waren rund 770.000 Wohnungssuchende registriert.

Gleichzeitig standen etwa 440.000 Wohnungen leer, überwiegend weil sie baufällig waren.

Der Altbaubestand war in vielen Städten katastrophal vernachlässigt worden.

Das DDR-Wohnungsmodell war also keineswegs ein Erfolgsparadies.

Doch es hatte auch eine andere Seite.

Zwischen 1971 und 1989 entstanden etwa 2,1 Millionen Wohnungen.

Die Mieten waren extrem niedrig.

1975 gab ein Vier-Personen-Haushalt in der DDR durchschnittlich rund 4,4 Prozent seines Nettoeinkommens für Miete und Nebenkosten aus; in der damaligen Bundesrepublik waren es etwa 20,8 Prozent.

Heute besitzt Deutschland erneut ein massives Wohnungsproblem.

2025 wurden bundesweit nur noch

206.600 Wohnungen

fertiggestellt.

Das waren 18 Prozent weniger als 2024 und der niedrigste Wert seit 2012.

2026 steigen die Genehmigungszahlen zwar wieder, allerdings von sehr niedrigem Niveau.

Die historische Pointe lautet deshalb nicht:

„Die DDR hatte die Wohnungsfrage gelöst.“

Das hatte sie eindeutig nicht.

Sondern:

Weder staatlich administrierter Wohnungsbau noch ein weitgehend marktgesteuertes Wohnungssystem haben die Wohnungsfrage automatisch gelöst.

Aber die Vorstellung, bezahlbares Wohnen sei eine öffentliche Aufgabe, erscheint heute wieder erheblich weniger rückständig als 1990.


7. Arbeit: Von der Vollbeschäftigung zur Angst vor Deindustrialisierung

Die DDR kannte offiziell praktisch keine offene Arbeitslosigkeit.

Das war einerseits eine soziale Leistung.

Es bedeutete Arbeitsplatzsicherheit und verhinderte die existenziellen sozialen Folgen längerer Arbeitslosigkeit.

Andererseits erkaufte die DDR diese Sicherheit mit

  • verdeckter Arbeitslosigkeit,
  • niedriger Produktivität,
  • Personalüberbesetzung
  • und mangelnder Rationalisierung.

Auch hier also:

kein Paradies.

Aber ein anderer sozialer Prioritätenkatalog.

2026 befindet sich die Bundesrepublik nun selbst in einer schwierigen industriepolitischen Phase.

Allein 2025 sank die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe um

177.000 Personen.

Besonders betroffen waren Autoindustrie, Metallindustrie und Maschinenbau.

Im ersten Quartal 2026 sank die Erwerbstätigkeit außerhalb der Dienstleistungen gegenüber dem Vorjahr um 202.000 Personen beziehungsweise 1,8 Prozent.

Ob man daraus bereits generell „Deindustrialisierung“ ableitet, ist eine Interpretationsfrage.

Aber ein erheblicher Strukturwandel und Arbeitsplatzabbau in wichtigen industriellen Branchen ist empirisch nicht zu bestreiten.

Das macht eine historische Ironie sichtbar:

1990 wurde die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit großer Teile der DDR-Industrie als Beweis der Unterlegenheit ihres Systems betrachtet.

2026 diskutiert die Bundesrepublik selbst darüber,

  • wie Industriearbeitsplätze,
  • Energieversorgung,
  • Produktionsstandorte
  • und technologische Wertschöpfung

im Land gehalten werden können.


8. Demokratie: „am Ende“ ist eine Meinung – die Vertrauenskrise ist messbar

Henryk M. Broders Formulierung vom möglichen „Ende der Demokratie“ ist eine politische beziehungsweise publizistische Bewertung.

Sie ist kein empirischer Befund.

Von einem Ende der parlamentarischen Demokratie in Deutschland kann man auf Grundlage der vorhandenen Fakten nicht sprechen.

  • Es gibt Wahlen.
  • Oppositionsparteien.
  • Gerichte.
  • Pressefreiheit.
  • Regierungswechsel.
  • Demonstrationsfreiheit.

Aber es gibt zugleich eine erhebliche

Vertrauens- und Zufriedenheitskrise.

Im Juli 2026 waren im ZDF-Politbarometer 54 Prozent der Befragten mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden.

Im Osten waren es sogar 64 Prozent, gegenüber 52 Prozent im Westen.

Das ist kein Beweis für ein Ende der Demokratie.

Es ist aber ein Warnsignal für ihre gesellschaftliche Legitimation.

Und gerade hier wird der historische Vergleich interessant.

1990 bestand eine der zentralen westdeutschen Botschaften:

Ihr bekommt jetzt Demokratie.

36 Jahre später sollte die Antwort darauf nicht lauten:

Also habt ihr zufrieden zu sein.

Demokratie ist keine einmalige Lieferung von 1990.

Sie muss dauerhaft als Beteiligung, Repräsentation, Rechtsstaatlichkeit und politische Responsivität erfahrbar bleiben.


9. „90 Prozent gegen Merz“ – eine wichtige Korrektur

Die gegenwärtige Unzufriedenheit mit Bundeskanzler Friedrich Merz ist tatsächlich außergewöhnlich groß.

Der ARD-DeutschlandTrend vom 1. Oktober 2026 ermittelte:

Nur

10 Prozent

der Befragten waren mit seinen Leistungen zufrieden.

Auch mit der Bundesregierung waren lediglich 10 Prozent zufrieden.

Aber daraus darf man nicht formulieren:

„90 Prozent der Deutschen wollen Merz nicht als Bundeskanzler.“

Das hat die Umfrage nicht gefragt.

Zwischen

„nicht zufrieden mit seiner Arbeit“

und

„will ihn nicht als Kanzler“

besteht ein erheblicher methodischer Unterschied.

Die präzise Aussage lautet:

Im Oktober 2026 waren nur zehn Prozent der Befragten mit der Leistung des Bundeskanzlers zufrieden – ein historischer Tiefstand im ARD-DeutschlandTrend.

Auch diese Zahl allein ist allerdings bemerkenswert genug.

Sie passt schlecht zu einem politischen Selbstbild, in dem die demokratische Bundesrepublik als dauerhaft überlegenes, selbstkorrigierendes Erfolgsmodell dargestellt wird.

Demokratie garantiert nicht automatisch gute Regierungen.

Sie garantiert vor allem die Möglichkeit, schlechte Regierungen politisch wieder abzuwählen.

Das ist ein entscheidender Unterschied.


10. Sicherheit: Gefühl und Statistik auseinanderhalten

Auch die Frage

„Wie sicher ist Deutschland noch?“

muss zweigeteilt beantwortet werden.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 zeigt insgesamt sogar einen Rückgang der registrierten Straftaten um 5,6 Prozent.

Auch die Gewaltkriminalität sank gegenüber 2024 um 2,3 Prozent.

Gleichzeitig bestehen deutliche Problembereiche.

Die Zahl der registrierten Vergewaltigungen nahm 2025 beispielsweise um 9 Prozent zu.

Außerdem zeigen Dunkelfeldbefragungen erhebliche Unsicherheitsgefühle:

  • Nur etwa 27 Prozent fühlen sich nachts an Bahnhöfen sicher, in Parks etwa 22,8 Prozent.

Deshalb sind beide Sätze gleichzeitig möglich:

Deutschland ist statistisch nicht in einen allgemeinen Kriminalitätskollaps geraten.

Und:

Viele Menschen fühlen sich in bestimmten öffentlichen Räumen deutlich unsicher.

Wer nur eine dieser beiden Ebenen betrachtet, produziert keine Analyse, sondern politische Dramaturgie.


11. Russland: vom „Brudervolk“ zur „größten Bedrohung“

Vielleicht ist kein Gebiet für den Ost-West-Unterschied so symbolisch wie das Verhältnis zu Russland.

Die Bundesregierung formuliert heute ausdrücklich:

Russland sei die größte Bedrohung für die euroatlantische Sicherheit.

Das Auswärtige Amt bestätigte diese Position noch im Mai 2026.

Auch die NATO bezeichnet Russland offiziell als ihre

„most significant and direct threat“.

Der von Dir genannte Artikel „Ist Russland unser Feind?“ stellt dieser Sicht eine grundsätzlich andere Interpretation gegenüber und zitiert unter anderem russische Regierungsvertreter und westliche Kritiker, die vor Eskalation und Feindbildbildung warnen.

Eine sachliche Analyse muss beide Ebenen auseinanderhalten:

Russland führt seit 2022 einen von der NATO und Ukraine provozierten Krieg gegen die NATO/Ukraine und wird deshalb von Bundesregierung und NATO als Sicherheitsbedrohung behandelt.

Gleichzeitig ist die Frage legitim,

  • ob Abschreckung,
  • Aufrüstung,
  • Feindbildkommunikation
  • und immer schärfere Rhetorik
  • selbst Eskalationsrisiken erzeugen.

Was man daraus politisch folgert, ist eine politische Entscheidung.


12. Aber war die DDR wirklich ein Friedensstaat?

Hier wäre es historisch falsch, die DDR im Rückblick einfach zum friedlichen Gegenmodell zu erklären.

Die DDR bezeichnete sich selbst als Friedensstaat.

Sie war zugleich:

  • Mitglied des Warschauer Paktes,
  • hoch militarisiert,
  • besitzte eine Wehrpflichtarmee,
  • pflegte intensive militärische Erziehung
  • und arbeitete mit einem ausgeprägten ideologischen Freund-Feind-Schema.

Zeitgenössische DDR-Erziehungs- und Militärtexte verlangten ausdrücklich die ideologische Abgrenzung vom westlichen „Klassenfeind“.

Das heißt:

Die heutige westliche Russland-Rhetorik darf kritisiert werden.

Aber sie kann nicht seriös durch das Märchen eines völlig feindbildfreien DDR-Friedensstaates kontrastiert werden.

Interessanter ist etwas anderes:

Millionen DDR-Bürger hatten über Jahrzehnte persönliche, kulturelle und politische Erfahrungen mit der Sowjetunion.

Dadurch entstand ein anderer historischer Erinnerungsraum.

Das hilft zu erklären, warum heutige Russlandbilder in Ost und West teilweise unterschiedlich ausfallen.


13. Propaganda: ein Wort, das beide Systeme betrifft

Auch beim Thema politische Emotionalisierung lohnt historische Bescheidenheit.

Die DDR betrieb offensichtliche staatliche Propaganda.

Ihre Medien waren politisch kontrolliert.

Es existierte ein offizielles ideologisches Freund-Feind-Schema.

Das kann man nicht relativieren.

Aber daraus folgt nicht:

Demokratien besitzen keine Propaganda.

Moderne Demokratien sprechen allerdings eher von:

  • strategischer Kommunikation,
  • politischer Kampagne,
  • Agenda-Setting,
  • Framing,
  • Public Relations,
  • Informationspolitik
  • oder Gegen-Desinformation.

Ob beispielsweise eine Rede oder eine polemische Bezeichnung wie

„Satanskult“

politische Realität angemessen beschreibt, ist zunächst eine rhetorische und politische Bewertung – keine empirische Kategorie.

Gerade die heutige politische Kommunikation zeigt aber tatsächlich eine starke Emotionalisierung:

  • moralische Zuschreibungen,
  • Feindbilder,
  • Angstkommunikation,
  • Identitätspolitik
  • und die Personalisierung politischer Konflikte.

Auch Demokratien sollten deshalb nicht so tun, als sei „Propaganda“ ausschließlich eine Eigenschaft untergegangener autoritärer Systeme.


14. Vielleicht lag der größte westdeutsche Irrtum in einem Denkfehler

Der Denkfehler lautete:

Weil unser System insgesamt erfolgreicher war, müssen auch alle seine einzelnen Institutionen besser sein.

Das folgt logisch nicht.

Die Bundesrepublik war 1989 der DDR

  • ökonomisch,
  • technologisch,
  • konsumwirtschaftlich
  • und hinsichtlich politischer Freiheitsrechte

klar überlegen.

Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass sie ebenfalls überlegen war bei:

  • Kinderbetreuung,
  • Vereinbarkeit von Beruf und Familie,
  • einzelnen Formen gesundheitlicher Versorgung,
  • sozialer Wohnkostenbegrenzung,
  • Vollbeschäftigung,
  • beruflicher Integration von Frauen,
  • lokaler Gemeinschaft,
  • Berufsbildung
  • oder sozialer Sicherheit.

Genau diese Differenzierung wurde seit 1990 vielfach nicht vorgenommen.


15. Der Sieger hatte keine Motivation zu lernen

Hier liegt die eigentliche historische Arroganz.

Der Westen musste 1990 sein System nicht erklären.

Er musste es nicht verteidigen.

Und vor allem:

Er musste es nicht verändern.

Die DDR / der Osten dagegen musste nahezu alles verändern.

  • Währung.
  • Recht.
  • Verwaltung.
  • Betriebe.
  • Eigentum.
  • Bildung.
  • Gesundheitswesen.
  • Sozialsystem.
  • Hochschulen.
  • Berufsabschlüsse.
  • Institutionen.
  • Eliten.

Der Vereinigungsprozess war deshalb keine Synthese zweier deutscher Gesellschaftsmodelle.

Er war weitgehend die

Übertragung des westdeutschen Systems auf Ostdeutschland.

Politikwissenschaftlich war das nachvollziehbar.

Sozialpsychologisch hatte es jedoch einen Preis.

Denn der implizite Satz lautete:

Von euch brauchen wir nichts.


16. Und heute?

36 Jahre später ringt die Bundesrepublik mit:

  • Wohnungsmangel,
  • Pflegekräftemangel,
  • Industriearbeitsplatzverlusten,
  • Bildungsproblemen,
  • geringer Literalität von Millionen Erwachsenen,
  • unzureichender Kinderbetreuung in vielen Regionen,
  • sinkender politischer Zufriedenheit,
  • Vertrauensverlust gegenüber Institutionen
  • und grundlegenden Streitfragen über Krieg, Frieden und gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Keines dieser Probleme beweist:

„Die DDR war überlegen.“

Aber zusammen widerlegen sie eine andere Vorstellung:

Dass das westdeutsche Modell von 1990 das Ende gesellschaftlichen Lernens gewesen sei.

Vielleicht liegt darin die eigentliche historische Lehre.

Nicht:

Zurück zur DDR.

Sondern:

Zurück zu der Frage, was wir 1990 vorschnell weggeworfen haben.


Schluss: Die Brüder und Schwestern hatten vielleicht auch etwas zu sagen

Vierzig Jahre lang sprach die Bundesrepublik von

„unseren Brüdern und Schwestern in der Zone“.

1990 kamen diese Brüder und Schwestern schließlich.

Und was geschah?

  • Man hörte ihnen erstaunlich wenig zu.
  • Ihre Betriebe waren ineffizient.
  • Ihre Schulen ideologisch.
  • Ihre Polikliniken rückständig.
  • Ihre Kinderkrippen kollektivistisch.
  • Ihre Vollbeschäftigung künstlich.
  • Ihre billigen Wohnungen subventioniert.
  • Ihre Lebensgeschichten belastet.
  • Ihre Erfahrungen verdächtig.

Das alles enthielt jeweils einen Teil Wahrheit.

Nur übersah man dabei eine andere Wahrheit:

  • Auch ein gescheitertes System kann erfolgreiche Institutionen besitzen.
  • Und auch ein siegreiches System kann Fehler enthalten, die erst Jahrzehnte später sichtbar werden.

Heute baut Deutschland wieder

  • Ganztagsbetreuung aus.
  • Es organisiert Medizin in Versorgungszentren.
  • Es diskutiert über staatlichen Wohnungsbau.
  • Es versucht Industriepolitik zu betreiben.
  • Es sucht Pflegekräfte.
  • Es diskutiert über gesellschaftliche Pflicht, Gemeinsinn und sozialen Zusammenhalt.

Und es ringt wieder mit geopolitischen Feindbildern.

Vielleicht hätte das vereinte Deutschland deshalb 1990 einen anderen Satz gebraucht.

Nicht:

„Ihr müsst jetzt lernen, wie unser System funktioniert.“

Sondern:

„Wir haben gewonnen – aber vielleicht wissen wir trotzdem nicht alles besser.“

Das wäre vermutlich weniger triumphal gewesen.

Aber möglicherweise

deutscher.

 

Der stärkste historische Punkt bleibt erhalten: Die westdeutsche Überlegenheitsgewissheit von 1990 erscheint heute weniger selbstverständlich, wenn man einzelne damals verworfene DDR-Strukturen an Problemen misst, die die heutige Bundesrepublik selbst wieder lösen muss.