V. Bilanz der Bilanz

Aus den vier Teilen und dem Anhang ergibt sich meines Erachtens eine stärkere Schlussfolgerung als die bloße These, die Einheit sei „teuer“ oder „ungerecht“ gewesen: Die eigentliche Schieflage liegt bereits in der Art, wie seit 1990 bilanziert wurde. Kosten, Schulden und Defizite des Ostens wurden sichtbar gemacht; Vermögensübertragungen, historische Vorleistungen und langfristige Eigentumsverschiebungen weit weniger systematisch.

Was bleibt von der deutschen Einheit, wenn man beide Seiten des Kontos betrachtet?

Sechsunddreißig Jahre nach der staatlichen Vereinigung Deutschlands ist es vielleicht an der Zeit, nicht noch eine weitere Einzelbilanz aufzustellen.

Sondern die Bilanz der Bilanzen.

Denn je länger man sich mit der deutschen Einheit beschäftigt, desto deutlicher wird ein merkwürdiges Muster:

Über die DDR wurde bilanziert.

  • Ihre Schulden wurden bilanziert.
  • Ihre unrentablen Betriebe wurden bilanziert.
  • Ihre Umweltschäden wurden bilanziert.
  • Ihre Produktivitätsrückstände wurden bilanziert.
  • Ihre Arbeitslosigkeit wurde bilanziert.
  • Die Milliarden des „Aufbaus Ost“ wurden bilanziert.
  • Die Solidartransfers wurden bilanziert.
  • Die Treuhandverluste wurden bilanziert.
  • Was erheblich seltener bilanziert wurde, waren dagegen:
  • die bereits vorhandenen Schulden der alten Bundesrepublik,
  • das von der DDR eingebrachte öffentliche Vermögen,
  • die historische Reparationsbelastung Ostdeutschlands,
  • die Eigentumsverschiebungen infolge der Privatisierung,
  • die sozialen und biografischen Verluste,
  • die Abwanderung von Humankapital
  • und die langfristige Verschiebung wirtschaftlicher Entscheidungsmacht.

Vielleicht liegt genau darin das Grundproblem der Erzählung von der deutschen Einheit.

Nicht unbedingt darin, dass einzelne Zahlen falsch wären.

Sondern darin, welche Zahlen überhaupt zur Bilanz gehören durften.


1. Die offizielle Rechnung begann mit einer stillen Voraussetzung

Die politische Grundformel nach 1990 lautete vereinfacht:

Der Westen hilft dem Osten.

Daraus folgte fast automatisch eine entsprechende ökonomische Grammatik:

Der Westen war der Geber.

Der Osten war der Empfänger.

Der Westen finanzierte.

Der Osten kostete.

Der Westen modernisierte.

Der Osten musste modernisiert werden.

Der Westen transferierte Vermögen.

Der Osten absorbierte Transfers.

Diese Sicht war nicht völlig falsch.

Tatsächlich flossen seit 1990 enorme öffentliche Mittel in die neuen Länder.

  • Straßen wurden gebaut.
  • Städte saniert.
  • Telekommunikationsnetze modernisiert.
  • Renten und Sozialleistungen angeglichen.
  • Unternehmen gefördert.
  • Umweltaltlasten beseitigt.
  • Krankenhäuser modernisiert.

Diese Leistungen kleinzureden wäre ebenso unseriös wie ihre Existenz zu bestreiten.

Aber eine Bilanz fragt nicht nur:

Was wurde hineingesteckt?

Sie fragt auch:

Was wurde übernommen?

Und:

Was floss anschließend wieder heraus?


2. Die erste Doppelbilanz: Die DDR brachte nicht nur Schulden mit

Die alte Bundesrepublik ging keineswegs schuldenfrei in die Einheit.

Ende 1989 betrug ihre öffentliche Verschuldung rund 929 Milliarden DM.

Mit dem 3. Oktober 1990 wurden auch die Bürger der ehemaligen DDR Teil dieses verschuldeten Staates.

Die viel zitierte Vorstellung, der solvente Westen habe einen verschuldeten Osten übernommen, ist deshalb bereits in ihrer Ausgangskonstruktion zu einfach.

Natürlich hatte auch die DDR Schulden.

Natürlich besaß ihre Wirtschaft enorme strukturelle Probleme.

Aber die später häufig genannten 340 bis 370 Milliarden DM „DDR-Erblasten“ waren keineswegs identisch mit dem Staatsschuldenstand der DDR am 2. Oktober 1990.

Darin steckten auch:

Treuhandverbindlichkeiten,

Ausgleichsforderungen aus der Währungsumstellung,

Wohnungsaltschulden,

Sanierungsaufwendungen

und andere Belastungen der Transformation.

Es wurden also zum Teil Kosten des Vereinigungsprozesses nachträglich auf das Konto des untergegangenen Systems gebucht.

Das bedeutet nicht, dass diese Kosten erfunden waren.

Es bedeutet lediglich:

Entstehungszeitpunkt und Verursachung sind nicht dasselbe.


3. Die zweite Doppelbilanz: Schulden wurden präzise – Vermögen nur teilweise erfasst

Noch deutlicher wird die Asymmetrie beim Vermögen.

Die Bundesregierung erklärte 1993 selbst, eine vollständige Staatsbilanz des DDR-Vermögens zum 2./3. Oktober 1990 sei nicht erstellt worden.

Sie erklärte zugleich, eine solche Bilanz nachträglich aufzustellen, sei nicht sinnvoll.

Damit entsteht eine bemerkenswerte Situation:

  • Man kennt die Verschuldung.
  • Man kennt die Defizite.
  • Man kennt die Transferleistungen.

Aber eine vollständige amtliche Gegenrechnung des übernommenen DDR-Vermögens existiert nicht.

Dabei kam die DDR selbstverständlich nicht mit leeren Händen.

Sie brachte mit:

  • Tausende Betriebe,
  • Millionen Wohnungen,
  • Grundstücke,
  • Landwirtschaftsflächen,
  • Wälder,
  • Seen,
  • Verkehrsinfrastruktur,
  • Energienetze,
  • Bahn,
  • Post,
  • Schulen,
  • Universitäten,
  • Krankenhäuser,
  • Kulturstätten,
  • kommunales Vermögen
  • und sonstige öffentliche Infrastruktur.

Wie dieses Gesamtvermögen zum Stichtag der Einheit in einer einheitlichen D-Mark-Bilanz zu bewerten gewesen wäre, lässt sich heute nicht eindeutig rekonstruieren.

Gerade deshalb sollte man mit spektakulären Zahlen von 1,2, 1,5 oder 1,8 Billionen DM vorsichtig umgehen.

Doch die Unsicherheit der Bewertung bedeutet nicht:

Das Vermögen existierte nicht.


4. Die dritte Doppelbilanz: Die Treuhand war nicht die Bilanz der DDR

Eine der folgenreichsten Gleichsetzungen der Nachwendezeit lautete:

Treuhandbilanz = Wert der DDR-Wirtschaft.

Doch das stimmt nicht.

Die Treuhand verwaltete nur bestimmte Teile des ehemals volkseigenen Vermögens.

Und selbst dort veränderte sich der bilanzielle Wert radikal, weil innerhalb kürzester Zeit ein völlig anderes Wirtschafts-, Preis- und Rechtssystem eingeführt wurde.

Der Anhang erinnert daran, dass Treuhandchef Detlev Rohwedder zunächst noch mit erheblichen Privatisierungserlösen gerechnet hatte, während am Ende ein Defizit von ungefähr einer Viertelbillion DM stand.

Nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung endete die Treuhand mit einem Defizit von knapp 260 Milliarden DM. Von ihren Unternehmen wurden ungefähr 53 Prozent privatisiert, 13 Prozent reprivatisiert und rund 30 Prozent stillgelegt. Rund 80 Prozent der Investoren kamen aus Westdeutschland, etwa 5 Prozent aus Ostdeutschland und rund 15 Prozent aus dem Ausland.

Damit wurde die Transformation nicht nur zu einer Frage von Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit.

Sie wurde auch zu einer

Eigentumsfrage.

Denn ein Betrieb kann verschwinden.

  • Er kann verkauft werden.
  • Er kann saniert werden.
  • Er kann geschlossen werden.

Aber in jedem Fall entscheidet jemand darüber.

Und nach der Transformation lag ein erheblicher Teil des ostdeutschen Produktivvermögens nicht mehr in ostdeutschen Händen.

Eine aktuelle Veröffentlichung im Deutschland Archiv fasst die Eigentumsrichtung entsprechend zusammen: Öffentliche Nettotransfers flossen von West nach Ost, private Gewinne dagegen zu einem erheblichen Teil in die Gegenrichtung; bei der Treuhandprivatisierung sei nur ein kleiner Anteil des Produktivvermögens an ostdeutsche Investoren gelangt.

Das gehört zur Bilanz.


5. Die vierte Doppelbilanz: Wer begann 1945 mit welchem Kapitalstock?

Noch tiefer reicht die Reparationsfrage.

Ost und West starteten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mit denselben wirtschaftlichen Voraussetzungen.

Die SBZ und spätere DDR wurden durch sowjetische Demontagen, Reparationslieferungen und Entnahmen aus laufender Produktion erheblich belastet.

Die konkrete Höhe ist historisch umstritten.

Aber dass die Belastung pro Kopf im Osten deutlich höher lag, gehört zum gesicherten Kern der Forschung.

Genau daraus entstand 1990 die spektakuläre Bremer Initiative, die einen hypothetischen innerdeutschen Lastenausgleich von

727.165.791.041 DM

forderte.

Diese Summe war keine anerkannte Forderung und keine festgestellte Schuld der Bundesrepublik.

Sie war eine Modellrechnung.

Aber sie stellte eine berechtigte historische Frage:

Wenn 1990 die wirtschaftliche Schwäche der DDR bewertet wurde, warum wurde der unterschiedliche Kapitalverlust der beiden deutschen Landesteile seit 1945 nicht wenigstens als Teil ihrer Ausgangsgeschichte mitbilanziert?

Das ist keine Forderung nach nachträglicher Zahlung.

Es ist eine Forderung nach vollständiger historischer Rechnung.


6. Die fünfte Bilanz: Der menschliche Kapitaltransfer

Eine Gesellschaft besitzt nicht nur Fabriken und Grundstücke.

Ihr vielleicht wichtigstes Kapital sind Menschen.

Und auch hier verlief die deutsche Einheit ausgesprochen asymmetrisch.

Zwischen 1991 und 2024 wanderten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes netto rund

1,2 Millionen Menschen

mehr von Ost nach West als umgekehrt.

Besonders stark betroffen waren junge Menschen. Mehr als 740.000 Personen, die beim Fortzug höchstens 25 Jahre alt waren, gingen im Saldo nach Westen. 57 Prozent des gesamten ostdeutschen Wanderungsverlustes entfielen auf Frauen.

Der Anhang greift genau diese Zahl von rund 1,2 Millionen netto nach Westen Gewanderten ebenfalls auf.

Das ist nicht einfach Bevölkerungsstatistik.

Es bedeutet:

  • verlorene Arbeitskraft,
  • verlorene Geburten,
  • verlorene Steuerzahler,
  • verlorene Unternehmensgründer,
  • verlorene Akademiker,
  • verlorene soziale Netzwerke
  • und verlorene zukünftige Vermögensbildung.

Während die westdeutsche Wirtschaft Kapital nach Osten transferierte, erhielt sie gleichzeitig einen erheblichen Teil des qualifizierten ostdeutschen Humankapitals.

Auch das gehört auf die andere Seite der Bilanz.


7. Das Ergebnis sieht man noch heute in der Demografie

1990 lebten in den ostdeutschen Flächenländern etwa 15 Millionen Menschen.

2024 waren es nur noch 12,4 Millionen.

Ein Rückgang von ungefähr 16 Prozent.

Im westlichen Deutschland stieg die Bevölkerung im selben Zeitraum dagegen um rund 10 Prozent auf 67,5 Millionen.

Natürlich erklärt dies nicht allein die deutsche Einheit.

Geburtenrückgang, internationale Migration und allgemeine demografische Entwicklung spielen ebenfalls eine Rolle.

Aber eine Gesellschaft, die jahrzehntelang einen erheblichen Teil ihrer jungen Bevölkerung verliert, trägt die Folgen lange weiter.

Die Mauer verschwand 1989.

Die demografische Spur der Teilung und Transformation blieb.


8. Die sechste Bilanz: Wer entscheidet?

Auch politische und institutionelle Macht lässt sich bilanzieren.

36 Jahre nach der staatlichen Einheit sind Ostdeutsche in wichtigen Führungspositionen weiterhin unterrepräsentiert.

Der Bericht der Ostbeauftragten 2026 nennt für die Führungskräfte der obersten Bundesbehörden einen ostdeutschen Anteil von 16,3 Prozent; 2022 waren es 13,9 Prozent. Es gibt also eine erkennbare Annäherung, die Bundesregierung selbst spricht aber weiterhin von Unterrepräsentation.

Diese Zahl ist besonders aufschlussreich.

Denn sie zeigt zugleich:

Es hat Fortschritt gegeben.

Und:

Die Angleichung ist noch nicht beendet.

Eine seriöse Bilanz sollte beides sagen.

Sonst ersetzt man nur eine Einseitigkeit durch eine andere.


9. Die siebte Bilanz: Vertrauen kann man nicht privatisieren

Die erlebte Geschichte beschreibt die Treuhandpolitik als eine Ursache bis heute fortwirkenden Misstrauens und verbindet dies mit Unterschieden in Demokratiezufriedenheit und Wahlverhalten.

Die konkrete politische Interpretation solcher Befunde ist umstritten.

Aber der grundsätzliche sozialpsychologische Zusammenhang ist plausibel:

Menschen bewerten politische Systeme nicht nur danach, was ihnen abstrakt versprochen wird.

Sie bewerten sie danach,

was ihnen persönlich widerfahren ist.

Wer nach 1990 sozialen Aufstieg, neue Freiheiten und berufliche Chancen erlebte, wird die Transformation anders erinnern als jemand, dessen Betrieb geschlossen wurde, dessen Qualifikation entwertet wurde und dessen Kinder die Region verließen.

Genau deshalb ist die deutsche Einheit nicht nur ein ökonomischer Vorgang.

Sie ist ein

biografischer Vorgang.


10. Die Fehlrechnung der reinen Transferbilanz

Die berühmte Frage lautet immer wieder:

Was hat die deutsche Einheit den Westen gekostet?

Je nach Definition kommen Untersuchungen zu sehr unterschiedlichen Billionensummen.

Aber schon die Fragestellung enthält eine Perspektive.

Man könnte ebenso fragen:

Was erhielt Gesamtdeutschland dafür?

Oder:

Welche Vermögen wechselten den Eigentümer?

Oder:

Welche privaten Erträge entstanden aus öffentlichen Transfers?

Oder:

Wie viele qualifizierte Arbeitskräfte gewann der Westen?

Oder:

Wie viel wirtschaftliche Nachfrage erzeugten ostdeutsche Haushalte bei westdeutschen Unternehmen?

Denn staatliche Transfers verschwinden nicht im Boden.

  • Ein Teil wird zu Löhnen.
  • Ein Teil zu Renten.
  • Ein Teil zu Straßen.
  • Ein Teil zu Maschinen.
  • Ein Teil zu Aufträgen.
  • Und diese Aufträge werden wiederum von Unternehmen ausgeführt.

Wenn beispielsweise ein westdeutscher Baukonzern mit staatlichen Aufbau-Ost-Mitteln eine Autobahn in Sachsen baut, lautet die volkswirtschaftliche Rechnung eben nicht einfach:

Westen –100 Millionen.
Osten +100 Millionen.

Ein erheblicher Teil des Geldes fließt über Löhne, Materialbeschaffung, Gewinne und Steuern wieder durch die gesamte deutsche Wirtschaft.

Das macht die Transfers nicht fiktiv.

Aber es macht die Vorstellung eines einseitigen Geldgeschenks ökonomisch unzureichend.


11. Die politische Verkaufsbilanz von 1990

Heute ist  zudem an einen weiteren wichtigen Punkt zu erinnern.

Im Bundestagswahlkampf 1990 standen sich unterschiedliche Einschätzungen der Kosten und Geschwindigkeit der Vereinigung gegenüber. Oskar Lafontaine warnte vor hohen langfristigen Belastungen; Helmut Kohl setzte stärker auf eine optimistische Darstellung der wirtschaftlichen Perspektiven.

Schon 1991 wurde tatsächlich der Solidaritätszuschlag eingeführt; weitere Finanzierungsinstrumente und Steueränderungen folgten.

Daraus sollte man historisch nicht automatisch ableiten, Kohl habe sämtliche späteren Kosten exakt gekannt und bewusst verschwiegen.

Die ökonomische Entwicklung 1990/91 war außergewöhnlich schwer vorherzusagen.

Aber feststellen lässt sich:

Die tatsächlichen finanziellen und sozialen Transformationskosten lagen weit über dem optimistischen politischen Erwartungshorizont, der 1990 öffentlich vermittelt wurde.

Auch das gehört zur Bilanz der Einheit.


12. Also: War die Einheit ein Gewinn oder ein Verlust?

Diese Frage ist zu grob.

Für Deutschland als Staat war die Vereinigung ein historischer Einschnitt:

Die Teilung endete.

Menschen konnten frei reisen.

Familien wurden wieder verbunden.

Politische Freiheitsrechte galten nun auch im Osten.

Das Gebiet Deutschlands wurde wieder ein gemeinsamer Rechts- und Wirtschaftsraum.

Für viele Menschen bedeutete das einen enormen persönlichen Gewinn.

Andere verloren gleichzeitig:

Arbeitsplätze,

beruflichen Status,

soziale Sicherheit,

gesellschaftliche Anerkennung

oder die vertraute Lebenswelt.

Beide Erfahrungen sind real.

Eine Bilanz, die nur eine davon zulässt, ist keine Bilanz.

Sie ist Erinnerungspolitik.


13. Die eigentliche Bilanz der Bilanz

Nach allen vier bisherigen Doppelbilanzen lässt sich deshalb ein übergeordnetes Muster erkennen.

Die Bundesrepublik brachte 1990 ein:

  • eine leistungsfähige und international konkurrenzfähige Wirtschaft,
  • hohes privates Vermögen,
  • funktionierende Institutionen,
  • westliche Kapitalmarktintegration,
  • aber auch
  • fast eine Billion DM öffentliche Verschuldung.

Die DDR brachte ein:

  • 16 Millionen Menschen,
  • industrielle und technische Qualifikationen,
  • Betriebe,
  • Wohnungen,
  • Infrastruktur,
  • Grund und Boden,
  • Wälder,
  • Landwirtschaft,
  • Bahn,
  • Post,
  • soziale und kulturelle Einrichtungen,
  • aber ebenso
  • technologischen Rückstand,
  • ökologische Belastungen,
  • strukturell schwache Betriebe
  • und Schulden.

Die DDR brachte zusätzlich eine historische Vorbelastung ein:

  • überdurchschnittliche Reparations- und Demontagelasten nach 1945.

Die Transformation erzeugte danach neue Kosten:

  • Treuhanddefizite,
  • Arbeitslosigkeit,
  • Sozialtransfers,
  • Währungsumstellungsfolgen,
  • Modernisierungskosten
  • und neue öffentliche Verschuldung.

Gleichzeitig entstanden neue Vermögens- und Eigentumsverhältnisse:

  • Ein erheblicher Teil des ostdeutschen Produktivvermögens gelangte in westdeutsches oder ausländisches Eigentum.

Und schließlich floss Humankapital:

Über Jahrzehnte wanderte netto mehr als eine Million Menschen von Ost nach West.

Erst dies zusammengenommen ist:

die Bilanz.


14. Vielleicht war der größte Fehler schon das Wort „Kosten“

Denn das Wort Kosten der Einheit legt nahe, es habe einen Zahler und einen Empfänger gegeben.

Vielleicht wäre volkswirtschaftlich der bessere Begriff:

Transformation des deutschen Gesamtvermögens.

Dann müsste man gleichzeitig betrachten:

  • öffentliche Transfers,
  • private Gewinne,
  • Vermögensübertragungen,
  • Eigentumswechsel,
  • Schulden,
  • Kapitalinvestitionen,
  • Humankapitalbewegungen,
  • Infrastrukturgewinn,
  • soziale Kosten
  • und langfristige regionale Folgen.

Die Rechnung würde dadurch komplizierter.

Aber vielleicht auch wahrer.


15. Das paradoxe Ergebnis

Nach sechsunddreißig Jahren ergibt sich damit eine bemerkenswerte Schlussbilanz.

Die Bundesrepublik hat enorme Summen in Ostdeutschland investiert.

Das ist wahr.

Die DDR hinterließ eine wirtschaftlich schwierige Ausgangssituation.

Auch das ist wahr.

Viele ostdeutsche Betriebe waren unter Weltmarktbedingungen nicht konkurrenzfähig.

Wahr.

Die Treuhand übernahm gewaltige wirtschaftliche Risiken.

Wahr.

Aber ebenso wahr ist:

  • Die DDR brachte reales Vermögen in die Einheit ein.
  • Ostdeutschland hatte zuvor überproportionale Reparationslasten getragen.
  • Die alte Bundesrepublik war bereits hoch verschuldet.
  • Die Privatisierung verschob Eigentum überwiegend in westliche Hände.
  • Der Osten verlor über Jahrzehnte Humankapital.

Und auch 36 Jahre später sind Vermögens-, Eigentums- und Repräsentationsunterschiede nicht verschwunden.

Die entscheidende Erkenntnis lautet deshalb:

Die deutsche Einheit war weder die großzügige Rettung eines mittellosen Ostens durch einen wohlhabenden Westen noch die bloße Ausplünderung des Ostens durch den Westen. Sie war eine historisch einmalige, hoch asymmetrische Verschmelzung zweier Gesellschaften, bei der Vermögen, Schulden, Chancen, Macht und biografische Kosten sehr unterschiedlich verteilt wurden.


16. Die Bilanz der Bilanz in einem Satz

Vielleicht lässt sich das ganze Problem schließlich auf einen einzigen Satz reduzieren:

1990 wurde Deutschland staatlich vereinigt – aber nicht gemeinsam bilanziert.

Die Bilanz wurde weitgehend aus dem institutionellen, rechtlichen und ökonomischen Koordinatensystem der Bundesrepublik erstellt.

Damit wurde das westdeutsche System zum Maßstab.

Was wettbewerbsfähig war, hatte Wert.

Was nicht wettbewerbsfähig war, wurde zur Last.

Was als privatisierbares Unternehmen existierte, konnte bilanziert werden.

Was gesellschaftliches Vermögen, soziale Infrastruktur oder biografisches Kapital darstellte, ließ sich erheblich schwerer in D-Mark ausdrücken.

Und was sich nicht in D-Mark ausdrücken ließ, verschwand leicht aus der Rechnung.


Schluss: Von der Einheitsfeier zur gemeinsamen Bilanz

Vielleicht wäre der 3. Oktober deshalb erst dann wirklich ein Tag der Deutschen Einheit, wenn er nicht nur der Erinnerung an einen vollzogenen Staatsakt dient.

Sondern auch der gemeinsamen Bilanz.

Nicht:

Was hat uns der Osten gekostet?

Und auch nicht:

Was hat uns der Westen genommen?

Sondern:

  • Was brachten beide Seiten ein?
  • Was wurde gemeinsam geschaffen?
    Was ging verloren?
  • Wer gewann Vermögen?
  • Wer verlor Eigentum?
  • Wer zahlte welche historischen Lasten?
  • Und welche Unterschiede wirken noch heute fort?

Eine solche Bilanz müsste Gewinne und Verluste gleichzeitig aushalten.

Sie müsste die Freiheit von 1989 würdigen, ohne die sozialen Folgen von 1990 zu beschönigen.

Sie müsste westdeutsche Transferleistungen anerkennen, ohne ostdeutsches Vermögen unsichtbar zu machen.

Sie müsste die wirtschaftlichen Schwächen der DDR benennen, ohne ihre gesamte Lebens- und Arbeitsleistung nachträglich abzuwerten.

Und sie müsste endlich verstehen:

Einheit bedeutet nicht, dass einer dem anderen gleicht.

Einheit beginnt dort, wo beide Geschichten als Teil derselben Geschichte gelten.

Die Mauer fiel am 9. November 1989.

Der Staat wurde am 3. Oktober 1990 vereinigt.

Die wirtschaftlichen Systeme wurden innerhalb weniger Jahre integriert.

Aber die eigentliche deutsche Einheit verlangt etwas Schwierigeres:

– eine gemeinsame Erinnerung,

– eine gemeinsame Anerkennung

– und eine gemeinsame Bilanz.

Vielleicht ist gerade deshalb nach 36 Jahren der angemessenste Satz zum 3. Oktober nicht:

„Die Einheit ist vollendet.“

Sondern:

„Deutschland ist vereinigt. Seine Bilanz ist noch offen.“

Ein Befund passt dafür besonders gut als Leitmotiv: Dort wird die Einheit als historischer Gewinn für den Westen beschrieben, zugleich aber mit Verlust von Anerkennung, industriellen Grundlagen und Lebensleistung im Osten verbunden. Tag der deutschen Einheit Die „Bilanz der Bilanz“ macht daraus keine einfache Gegenanklage, sondern eine mehrdimensionale Gesamtbetrachtung, in der auch reale Angleichung und reale westdeutsche Leistungen ihren Platz behalten.

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