
Deutschland, einig Vaterland?
30 Jahre Deutsche Einheit : Eine Bilanz
Die friedliche Wiedervereinigung Deutschlands ist ein einzigartiges Ereignis in der deutschen Geschichte. Wir erleben eine der sehr seltenen historischen Phasen, in denen wirklich etwas zum Guten verändert werden kann , sagt Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 3. Oktober 1990. Trotz der eindrucksvollen Erfolge beim Zusammenwachsen Deutschlands stellt der Stand der deutschen Einheit nicht alle Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen zufrieden , konstatiert Markus Kerber, Staatssekretär im Bundesministerium des Innern, heute. Der Historiker und Publizist Kai-Axel Aanderud beschreibt den unerwartet steinigen Weg zur Vollendung der Einheit . Bis heute gibt es kein Dax-Unternehmen im Osten. Wenn wir in dem Tempo weitermachen, ist die wirtschaftliche Einheit erst 2081 erzielt , warnt Linke-Politiker Dietmar Bartsch. Doch Aanderud schildert auch Erfolge. Zukunftstreiber im Osten sind Humankapital, Kreativität und Weltoffenheit , betont der Hallenser Wirtschaftsforscher Oliver Holtemöller. Sachsens Universitäten machen es vor: Nur Berlin ist bei ausländischen Studenten beliebter. Eine Generation ist in der Einheit in Freiheit bereits groß geworden, kennt die Teilung nur vom Hörensagen. Primär ihr möchte Aanderud mit diesem Buch die notwendigen Fakten an die Hand geben, denn nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten.
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Eine kleine Festrede auf die noch immer nicht vollendete Einheit
Am 3. Oktober werden wieder Fahnen aufgehängt, Reden gehalten und Sätze gesprochen, die seit 1990 erstaunlich alterungsbeständig sind.
Deutschland ist wiedervereinigt.
Das stimmt.
Jedenfalls auf der Landkarte.
Die Grenze ist weg. Die Mauer ist weg. Die Grenzübergänge sind weg. Wir haben eine gemeinsame Regierung, eine gemeinsame Währung, einen gemeinsamen Konsum, eine gemeinsame Fußballnationalmannschaft und mittlerweile sogar gemeinsame Probleme.
Was also sollte noch fehlen?
Vielleicht nur eine Kleinigkeit:
die Einheit.
Denn sechsunddreißig Jahre nach dem 3. Oktober 1990 besitzt Deutschland eine eigentümliche Form der Wiedervereinigung: Es ist juristisch ein Staat geworden, ökonomisch, biografisch und kulturell aber in vielen Bereichen zwei Erfahrungsräume geblieben.
Man könnte sagen:
Die Mauer wurde in Berlin abgerissen und anschließend statistisch neu errichtet.
Sie besteht heute nicht mehr aus Betonplatten.
Sie besteht aus Einkommen, Vermögen, Eigentum, Unternehmenszentralen, Karrierewegen, demografischen Entwicklungen und Erinnerungen.
Und das hat einen entscheidenden Vorteil:
Eine unsichtbare Mauer stört bei den Feierlichkeiten wesentlich weniger.
Einheit Nummer eins: gleicher Staat, unterschiedliches Einkommen
Beginnen wir mit einer besonders romantischen Kategorie menschlicher Verbundenheit: dem Gehaltszettel.
2024 verdienten Vollzeitbeschäftigte nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in den westlichen Ländern durchschnittlich 4.810 Euro brutto im Monat, in den östlichen Ländern 3.973 Euro.
Der Westen lag damit noch immer rund 21 Prozent höher.
Eine andere Berechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kommt für sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigte 2024 auf eine Ost-West-Lohnlücke von 14 Prozent. Je nach Datengrundlage unterscheidet sich also die genaue Zahl – nicht jedoch der Befund: Die Lohnangleichung ist erheblich vorangekommen, aber nicht abgeschlossen.
Man darf das durchaus einen historischen Fortschritt nennen.
1991 war der Abstand viel größer.
Nur ist es eine interessante Definition von „Einheit“, wenn man nach dreieinhalb Jahrzehnten erklären muss:
Wir sind jetzt fast gleich.
Das wäre ungefähr so, als feierte ein Ehepaar seinen 36. Hochzeitstag mit den Worten:
„Wir führen inzwischen weitgehend denselben Haushalt.“
Einheit Nummer zwei: Jeder darf Vermögen besitzen – manche besitzen es sogar
Noch beeindruckender wird die deutsche Einheit beim Vermögen.
Die Deutsche Bundesbank ermittelte für 2023 beim mittleren Nettovermögen eines Haushalts:
West: 143.200 Euro.
Ost: 35.900 Euro.
Beim durchschnittlichen Nettovermögen waren es:
West: 364.900 Euro.
Ost: 170.100 Euro.
Auch Wohneigentum ist unterschiedlich verteilt: Im Westen lebten 45 Prozent der Haushalte im eigenen Wohneigentum, im Osten 29 Prozent.
Das ist keine kleine statistische Abweichung.
Beim Median besitzt ein westdeutscher Haushalt damit ungefähr das Vierfache des Nettovermögens eines ostdeutschen Haushalts.
Natürlich kann Geld allein keine Einheit schaffen.
Aber überraschenderweise scheint sein Fehlen auch nicht besonders hilfreich zu sein.
- Vermögen bedeutet schließlich nicht nur Konsum.
- Vermögen bedeutet Erbschaften.
- Sicherheit.
- Immobilien.
- Unternehmenskapital.
- Bildungschancen der Kinder.
- Die Möglichkeit, Risiken einzugehen.
- Die Fähigkeit, Krisen abzufedern.
Und damit wird aus einem Unterschied der Vergangenheit ein Unterschied der Zukunft.
Die deutsche Teilung vererbt sich gewissermaßen weiter – völlig legal und ohne Grenzkontrollen.
Einheit Nummer drei: Einheit der Schulden
Als die DDR-Bürger 1990 der Bundesrepublik „beitraten“, traten sie nicht in einen schuldenfreien Erfolgsstaat ein. Die alte Bundesrepublik hatte bereits rund 930 Milliarden DM öffentliche Schulden angehäuft. Auf die Bevölkerung des vereinigten Deutschlands verteilt, entsprach diese westdeutsche Altlast unmittelbar nach der Einheit rund 11.700 DM je Einwohner. Aus dem DDR-Bürger wurde damit über Nacht nicht nur ein Bundesbürger, sondern auch ein Mitfinanzierer bereits bestehender westdeutscher Staatsschulden.
Heute beträgt die offizielle öffentliche Verschuldung Deutschlands rund 31.900 Euro je Einwohner oder 2,84 Billionen Euro insgesamt.
Einheit Nummer vieri: Das Volk gehört zusammen – die Unternehmen aber jemand anderem
Historische Fakt: Die DDR brach wirtschaftlich nicht zusammen.
Sie wurde mit der Einführung der westddeutschen DM und den sofortigen Zusammenbruch der vorhandenen DDR-Märkte in den östlichen RGW-Ländern und der Konkurrenzfähigkeit gegenüber den Westmärkten zusammengebrochen
Zur Geschichte nach 1990 gehört jedoch auch die Treuhandanstalt mit dem Raubzug Ost: Wie die Treuhand die DDR plünderte
Wissenschaftliche Untersuchungen des ifo Instituts zeigen, dass produktivere ehemalige DDR-Unternehmen häufiger privatisiert wurden – und zugleich mit höherer Wahrscheinlichkeit an westdeutsche Investoren gingen. Produktive Firmen verblieben damit seltener in ostdeutschem Eigentum.
Man muss daraus keine Verschwörungsgeschichte machen.
Die Transformation nach 1990 war historisch außergewöhnlich, wirtschaftlich schwierig und politisch unter enormem Zeitdruck.
Aber man sollte auch keine Märchengeschichte daraus machen.
Denn Eigentum ist Macht.
Wer Eigentümer eines Unternehmens ist, entscheidet über Investitionen, Standorte, Gewinne, Forschung, Strategie und Führungspersonal. 1990 wurde deshalb nicht nur eine Wirtschaftsordnung ausgetauscht
Es wurde in kürzester Zeit eine neue Eigentumsordnung geschaffen.
Aus Volks-Eigentum in der DDR. Diese Eigentumsform gibt es bis heute nicht in der BRD. Daraus wurde Privateigentum, und die DDR-Bürger bekamen keinerlei Entschädigung. .
Viele Ostdeutsche erlebten die Einheit daher nicht als:
„Jetzt gehört uns gemeinsam ein neues Deutschland.“
Sondern eher als:
„Willkommen im neuen Deutschland. Ihr Arbeitsplatz wird gerade neu vergeben.“
Einheit Nummer fünf: Ein Volk – mehrere Etagen
Besonders hübsch lässt sich Einheit in Aufzügen beobachten.
Unten steigen alle ein.
Oben kommen nicht alle gleichermaßen an.
Noch der Bericht der Ostbeauftragten der Bundesregierung von 2026 stellt fest, dass Ostdeutsche in Führungspositionen der Bundesverwaltung weiterhin unterrepräsentiert sind.
Seit 2022 ist ihr Anteil unter den Führungskräften der obersten Bundesbehörden zwar von 13,9 auf 16,3 Prozent gestiegen. Das ist reale Annäherung – aber eben noch keine vollständige Repräsentation.
Bereits frühere Erhebungen hatten eine deutliche Unterrepräsentation in Spitzenpositionen von Verwaltung, Wirtschaft und anderen Institutionen dokumentiert.
Das vereinte Deutschland sagt also seit Jahrzehnten zynisch zum Osten:
„Du gehörst selbstverständlich dazu.“
Und fügt etwas leiser hinzu:
„Die Geschäftsführung tagt allerdings oben.“
Einheit Nummer sechs: Die Bevölkerung stimmt mit den Füßen ab
Dann gibt es noch eine Statistik, die keine politische Rede besonders gern erwähnt.
1990 lebten in den ostdeutschen Flächenländern ungefähr 15 Millionen Menschen.
2024 waren es noch 12,4 Millionen.
Das entspricht einem Rückgang von rund 16 Prozent.
Im Westen wuchs die Bevölkerung im selben Zeitraum dagegen um rund 10 Prozent auf 67,5 Millionen.
Millionen Ostdeutsche haben seit 1990 ihre Heimatregion verlassen, darunter überproportional viele junge Menschen.
Das hatte Folgen:
- fehlende Geburten,
- fehlende Fachkräfte,
- alternde Regionen,
- ausgedünnte Dörfer,
- zerbrochene soziale Netze.
Auch hier hat sich manches stabilisiert und teilweise sogar umgekehrt. Einige ostdeutsche Städte wachsen wieder.
Doch eine Gesellschaft verliert nicht drei Jahrzehnte lang junge Menschen, ohne dass dies Spuren hinterlässt.
Vielleicht war das die deutsche Variante der inneren Einheit:
Der Osten zog in den Westen.
Einheit Nummer sieben: Zwei Erinnerungskulturen unter einem Adler
Doch Geld und Bevölkerung erklären noch nicht alles.
Denn die tiefste Grenze verläuft möglicherweise durch die Erinnerung.
Für die eine Seite war 1990 vor allem:
Befreiung.
Für andere zusätzlich:
Verlust.
- Verlust eines eigenen Staates.
- Eines Wirtschaftssystems.
- Von Arbeitsplätzen.
- Von Berufsbiografien.
- Von sozialer Anerkennung.
- Von Institutionen.
Und manchmal auch der Erfahrung, dass fast alles, was gestern noch einen gesellschaftlichen Wert dargestellt hatte, heute nur noch als Irrtum der Geschichte betrachtet wurde.
Diese beiden Erfahrungen widersprechen sich nicht zwangsläufig.
Die DDR war eine Diktatur (der Arbeiterpartei) mit politischer Bevormundung und Repression, fehlenden demokratischen Wahlen und Einschränkungen individueller Freiheit.
Gleichzeitig bestanden Millionen ganz normaler menschlicher Biografien aus Arbeit, Liebe, Familie, Freundschaft, Nachbarschaft, Schule, Kultur und persönlichen Leistungen.
Ein Mensch kann deshalb die politische Ordnung der DDR ablehnen und dennoch Teile seines eigenen Lebens in ihr verteidigen.
Genau diese Differenz ging in den ersten Vereinigungsjahren häufig verloren.
Aus dem Satz
„Dieses politische System ist gescheitert“
wurde für manche Menschen unausgesprochen:
„Euer bisheriges Leben war ein Irrtum.“
Und Menschen lassen sich leichter administrativ vereinigen als biografisch.
Die merkwürdige Wiedervereinigung
Vielleicht liegt hier ohnehin der sprachliche Geburtsfehler des ganzen Unternehmens.
Deutschland wurde am 3. Oktober 1990 streng staatsrechtlich nicht dadurch vereinigt, dass zwei Staaten einen völlig neuen gemeinsamen Staat gründeten auf der Basis eines vom vereinten Volk beschlossenen Verfassung.
Die fünf neuen Länder traten rechtlich dem Geltungsbereich der Bundesrepublik bei.
Das alte westdeutschces System mit Grundgesetz FÜR die Bundesrepublik als Nicht-Verfassung, das bundesdeutsche Institutionensystem, die Wirtschaftsordnung, die Rechtsordnung und wesentliche Verwaltungsstrukturen wurden auf den Osten übertragen.
Man kann diesen Weg historisch für sinnvoll, notwendig oder alternativlos halten.
Aber sozialpsychologisch hatte er eine Konsequenz:
Die westdeutsche Seite musste sich nicht neu erfinden.
Die ostdeutsche Seite aber zwangsläufig nahezu vollständig.
Der eine Teil Deutschlands erlebte 1990 deshalb überwiegend als Erweiterung seines Staates, seines Marktes, seines Landes.
Der andere als vollständigen Systemwechsel.
Das sind sehr verschiedene Erfahrungen desselben Datums.
Vielleicht erklärt das mehr über Deutschland als hundert Sonntagsreden.
Und trotzdem: Es gibt wirkliche Einheit
Eine Satire wird unglaubwürdig, wenn sie unterschlägt, was nicht in ihre Pointe passt.
Denn selbstverständlich ist seit 1990 auch vieles zusammengewachsen.
Die Infrastruktur wurde massiv modernisiert.
Die Lebenserwartung näherte sich deutlich an.
Die Erwerbstätigkeit von Frauen lag 2024 in Ost und West gleichermaßen bei 74 Prozent.
Viele Lebensbedingungen unterscheiden sich heute weniger nach Ost und West als nach Stadt und Land, Einkommen, Bildungsstand oder Alter.
Und selbst der Deutschlandmonitor 2025 fand bei manchen grundlegenden gesellschaftlichen Einstellungen nur noch geringe Ost-West-Unterschiede.
Deutschland ist also materiell keineswegs einfach „geteilt geblieben“.
Aber ebenso wenig lässt sich behaupten, die historische Teilung sei erledigt.
Gerade darin liegt das Paradox.
„Einheit“ als jährliche Selbstvergewisserung
Vielleicht sollte man deshalb am 3. Oktober die Reden geringfügig verändern.
Nicht mehr:
„Die Deutsche Einheit ist vollendet.“
Sondern:
„Die Deutsche Einheit ist eine Aufgabe.“
Denn eine wirkliche Einheit misst sich nicht daran, ob dieselbe Flagge über Dresden und Düsseldorf hängt.
Sie misst sich daran,
ob Herkunft Lebenschancen immer weniger bestimmt,
ob Eigentum breiter verteilt ist,
ob Menschen aus Görlitz dieselben Aufstiegsmöglichkeiten besitzen wie Menschen aus Stuttgart,
ob ostdeutsche Erfahrungen als Teil der deutschen Geschichte und nicht als Fußnote der westdeutschen Geschichte verstanden werden,
ob ostdeutsche kulturelle Leistungen endlich als Teil deutscher Kultur akzeptiert werden,
und ob aus zwei historischen Erfahrungsräumen tatsächlich ein gemeinsamer politisch-kultureller Raum entsteht.
Vielleicht wäre das sogar die würdigere Feier.
- Keine staatlich verordnete Harmonie.
- Keine Ostalgie.
- Keine Westalgie.
- Keine Abrechnung.
Sondern die nüchterne Erkenntnis:
Die Mauer fiel 1989.
Der Staat wurde 1990 vereinigt.
Die Gesellschaft arbeitet noch daran.
Und vielleicht beginnt wirkliche Einheit gerade dort, wo ein Land den Mut besitzt, sich diesen Unterschied einzugestehen.
Denn solange man jedes Jahr verkündet, dass zusammengewachsen sei, was zusammengehört, obwohl Einkommen, Vermögen, Eigentumsstrukturen, Karrierewege und Biografien weiterhin erhebliche Unterschiede zeigen, bleibt der Tag der Deutschen Einheit auch ein wenig der
Tag der Deutschen Einheitsbehauptung.
Die gute Nachricht lautet:
Eine unvollendete Einheit ist keine gescheiterte Einheit.
Sie ist lediglich eine, bei der nach sechsunddreißig Jahren niemand mehr behaupten sollte, die Renovierung sei abgeschlossen.
Ich könnte diesen Text mit einem zweiten Abschnitt „Wiedervereinigung oder Beitritt? Die asymmetrische Einheit von 1990“ ergänzen, in dem Treuhand, Elitentransfer, Eigentumswechsel, Deindustrialisierung und die psychologische Entwertung ostdeutscher Biografien systematisch zusammengedacht werden.
I. Die finanzielle Doppelbilanz der deutschen Einheit
Westdeutsche Schulden waren Staatsschulden.
DDR-Schulden waren „Systemversagen“.
Wer übernahm 1990 eigentlich wessen Schulden?
Zur Geschichte der deutschen Einheit gehört ein hartnäckiges Bild: Im Westen habe eine wirtschaftlich erfolgreiche und finanziell solide Bundesrepublik gestanden, im Osten dagegen eine bankrotte DDR, deren Schulden und wirtschaftliche Altlasten nun von den Westdeutschen übernommen werden mussten.
Dieses Bild enthält einen wahren Kern – aber nur die halbe Bilanz.
Denn auch die alte Bundesrepublik war 1990 keineswegs schuldenfrei. Und mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik wurden die Ostdeutschen nicht nur Bürger eines vermeintlich „reicheren Systems“. Sie wurden zugleich Teilhaber an dessen bereits bestehender Staatsverschuldung.
1. Die westdeutsche Ausgangslage: rund 929 Milliarden DM Staatsschulden
Ende 1989 belief sich die öffentliche Verschuldung der alten Bundesrepublik auf rund 929 Milliarden DM. Das entsprach etwa 41,8 Prozent des westdeutschen Bruttoinlandsprodukts. Die Bundesbank zeigt zugleich, dass die Verschuldung bereits vor der Einheit erheblich gewachsen war: von 414 Milliarden DM Ende der 1970er Jahre über 718 Milliarden DM Mitte der 1980er Jahre auf 929 Milliarden DM Ende 1989.
Das bedeutet:
Die DDR trat 1990 keinem schuldenfreien BRD-Staat bei.
Mit der Vereinigung wurde aus der bis dahin westdeutschen Staatsverschuldung eine Verpflichtung des nun gesamtdeutschen Staates. Die ungefähr 16 Millionen ehemaligen DDR-Bürger wurden damit selbstverständlich auch Teil jener Steuer- und Abgabenbasis, aus der Zinsen und Tilgung dieser bereits vorhandenen Schulden finanziert wurden.
Rechnet man die 929 Milliarden DM rein rechnerisch auf die knapp 80 Millionen Einwohner des vereinigten Deutschlands um, ergab sich unmittelbar nach der Einheit eine bestehende westdeutsche Altverschuldung von ungefähr 11.600 DM je Einwohner, also rund 5.900 Euro.
Diese Rechnung bedeutet nicht, dass jedem Ostdeutschen persönlich ein Schuldschein überreicht wurde. Sie zeigt aber, was in der üblichen Erzählung häufig fehlt:
Mit dem Beitritt übernahmen nicht nur die Westdeutschen finanzielle Lasten des Ostens. Auch die Ostdeutschen wurden zu Mitträgern der bereits vorhandenen westdeutschen Staatsschulden.
2. Die DDR war ebenfalls verschuldet – aber welche Zahl ist die richtige?
Hier beginnt das eigentliche Problem der öffentlichen Debatte.
Oft werden Zahlen von 340 oder sogar 370 Milliarden DM DDR-Schulden genannt.
Das ist irreführend, wenn daraus geschlossen wird, die DDR habe am 3. Oktober 1990 bereits Staatsschulden in dieser Höhe hinterlassen.
Die Bundesbank bezifferte die nach der Vereinigung übernommenen sogenannten „Erblasten“ aus der DDR später auf ungefähr 340 Milliarden DM. Sie erklärte jedoch ausdrücklich, dass darin nicht nur unmittelbare Schulden des DDR-Staatshaushalts enthalten waren, sondern auch Verpflichtungen, die aus der Währungsunion, der Restrukturierung der ostdeutschen Unternehmen und weiteren Transformationsmaßnahmen entstanden.
Eine spätere Darstellung des damaligen Bundesfinanzministers Theo Waigel nennt insgesamt gut 370 Milliarden DM aus:
- Schulden des ehemaligen DDR-Republikhaushalts,
- Verpflichtungen gegenüber dem Ausgleichsfonds der Währungsumstellung,
- der Schlussbilanz der Treuhandanstalt,
- sowie Altschulden ostdeutscher Wohnungsunternehmen.
Das ist etwas anderes als:
„Die DDR hatte 370 Milliarden DM Staatsschulden.“
3. Die unmittelbaren Schulden des DDR-Haushalts waren erheblich kleiner
Aus der späteren Bundeshaushaltsrechnung lässt sich erkennen, welche Größenordnung tatsächlich unmittelbar dem ehemaligen DDR-Staatshaushalt zugerechnet wurde.
Allein die vom Kreditabwicklungsfonds übernommenen Verbindlichkeiten des ehemaligen DDR-Republikhaushalts lagen bei rund 27,3 Milliarden DM. Hinzu kamen allerdings weitere Verbindlichkeiten und Forderungen aus der Umstellung des DDR-Finanzsystems.
Die berühmten hunderte Milliarden entstanden also zu einem erheblichen Teil erst innerhalb des Vereinigungs- und Transformationsprozesses.
Das verändert die historische Aussage wesentlich.
4. Das Rätsel um die DDR-Auslandsverschuldung
Besonders interessant ist die Auslandsverschuldung.
In der politischen Führung der DDR wurde Ende der 1980er Jahre von einer drohenden Nettoverschuldung in konvertierbarer Währung von 47,4 Milliarden Valutamark gesprochen. Aus dieser Entwicklung wurde 1989 auch die Gefahr einer Zahlungsunfähigkeit abgeleitet.
Doch die tatsächlich relevante Nettoauslandsverschuldung erwies sich später als deutlich geringer als manche dramatischen zeitgenössischen Angaben vermuten ließen.
Die DDR war zweifellos wirtschaftlich in einer schweren strukturellen Krise: geringe Produktivität, Investitionsrückstand, Devisenknappheit und hohe Importabhängigkeit waren reale Probleme.
Aber daraus folgt nicht, dass jede später entstandene Einheitslast als schon 1989 bestehende „DDR-Schuld“ verbucht werden kann.
5. Die Treuhand: aus erwarteten Gewinnen wurden mehr als 200 Milliarden DM Schulden
Der vielleicht größte Unterschied zwischen Ausgangsschulden und Transformationskosten zeigt sich bei der Treuhandanstalt.
Zu Beginn der Transformation gab es noch die Vorstellung, das volkseigene Vermögen der DDR könne erhebliche Verkaufserlöse bringen.
Die Realität sah anders aus.
Die DM-Eröffnungsbilanz der Treuhand wies zum 1. Juli 1990 Vermögenswerte von ungefähr 114 Milliarden DM aus. Gleichzeitig standen diesen jedoch erheblich höhere Verbindlichkeiten und Rückstellungen gegenüber. Daraus ergab sich bereits ein bilanzieller Fehlbetrag von rund 210 Milliarden DM. Die Bundesbank schätzte die gesamte finanzielle Belastung der Treuhand später auf etwa 275 Milliarden DM.
Ende 1994 hatte die Treuhand einen Schuldenstand von rund 204,6 Milliarden DM aufgebaut.
1995 wurden große Teile dieser Verbindlichkeiten in den Erblastentilgungsfonds übernommen. Allein die Übernahme der Treuhandschulden belief sich nach Berechnungen der Bundesbank auf etwa 105 Milliarden Euro, also gut 205 Milliarden DM.
Und hier liegt ein entscheidender Punkt:
Diese über 200 Milliarden DM waren nicht die Staatsschulden der DDR von 1989. Es waren zu einem erheblichen Teil Schulden, die während Privatisierung, Abwicklung und Restrukturierung nach Einführung der D-Mark entstanden.
Ob einzelne Privatisierungsentscheidungen wirtschaftlich sinnvoll oder vermeidbar waren, ist bis heute Gegenstand historischer und ökonomischer Debatten. Die buchhalterische Unterscheidung hingegen ist eindeutig.
6. Auch die Währungsunion erzeugte neue Verbindlichkeiten
Mit der Einführung der D-Mark zum 1. Juli 1990 wurden Forderungen und Verbindlichkeiten des DDR-Bankensystems umgestellt.
Daraus entstanden sogenannte Ausgleichsforderungen.
Die später vom Bund übernommenen Verpflichtungen des „Ausgleichsfonds Währungsumstellung“ lagen bei rund 85,3 Milliarden DM.
Auch diese 85 Milliarden DM waren also nicht einfach:
„alte Schulden des sozialistischen Staates DDR“.
Sie entstanden wesentlich durch die Art und Weise, wie das ostdeutsche Geld-, Kredit- und Unternehmenssystem in die D-Mark-Ordnung überführt wurde.
7. Der Fonds Deutsche Einheit: ebenfalls neue Schulden
Zur Finanzierung der unmittelbaren Folgen der Vereinigung wurde außerdem der Fonds Deutsche Einheit geschaffen.
Seine Verschuldung entwickelte sich von:
- 19,8 Milliarden DM 1990
- über 50,5 Milliarden DM 1991
- auf 89,5 Milliarden DM 1994.
Auch diese knapp 90 Milliarden DM waren selbstverständlich keine DDR-Schulden vom 2. Oktober 1990.
Es waren Schulden des Vereinigungsprozesses.
8. Die nüchterne Doppelbilanz
Damit ergibt sich ein wesentlich differenzierteres Bild.
Alte Bundesrepublik vor der Einheit
Öffentliche Verschuldung Ende 1989: ca. 929 Milliarden DM.
Diese Schulden bestanden bereits vor der Vereinigung.
DDR beziehungsweise ostdeutsche Erblasten
Die später oft genannten 340–370 Milliarden DM bestanden aus einer Mischung von:
- unmittelbaren DDR-Haushaltsschulden,
- DDR-Unternehmensverbindlichkeiten,
- Wohnungsbaukrediten,
- Ausgleichsforderungen aus der Währungsumstellung,
- Treuhanddefiziten,
- Sanierungs- und Restrukturierungskosten.
Sie sind deshalb nicht identisch mit dem Schuldenstand der DDR vor der Einheit.
Neue Vereinigungsverschuldung
Zusätzlich entstanden unter anderem:
- rund 205 Milliarden DM Treuhandschulden bis Ende 1994,
- knapp 90 Milliarden DM Schulden des Fonds Deutsche Einheit,
- weitere Belastungen aus Wohnungswirtschaft, Bahnreform und Transformationsfinanzierung.
Der damalige Finanzminister Waigel bezifferte den durch die verschiedenen Vereinigungsverpflichtungen verursachten Anstieg des Schuldenbestands des Bundes insgesamt auf etwa 570 Milliarden DM.
9. Wie explodierte die deutsche Staatsverschuldung tatsächlich?
Hier wird die Größenordnung des BRD-Systems sichtbar.
Die Bundesbank weist aus:
1989: 929 Mrd. DM
1991: 1.174 Mrd. DM
1992: 1.345 Mrd. DM
1993: 1.509 Mrd. DM
1994: 1.662 Mrd. DM
1995: 1.996 Mrd. DM
1996: 2.135 Mrd. DM.
Innerhalb von sieben Jahren stieg der öffentliche Schuldenstand damit um rund
1,2 Billionen DM.
Die Schuldenquote erhöhte sich von knapp 42 Prozent des BIP 1989 auf etwa 60 Prozent 1996.
Aber auch diese zusätzliche Verschuldung darf nicht vollständig als „Kosten der DDR“ bezeichnet werden.
Die Bundesbank nennt neben den unmittelbaren Vereinigungsfolgen ausdrücklich auch:
- laufende Haushaltsdefizite,
- Rezession,
- geringere Steuereinnahmen,
- Sozialausgaben,
- und allgemeine fiskalpolitische Entscheidungen
als Ursachen des Anstiegs.

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10. Und die berühmten West-Ost-Transfers?
Bis zum Jahr 2000 lagen die Netto-Transfers nach Ostdeutschland nach Angaben des früheren Bundesfinanzministers bei mehr als 1 Billion DM. Davon entfielen etwa 600 Milliarden DM auf den Bund.
Das ist eine gewaltige Summe.
Aber auch hier ist sprachliche Präzision notwendig.
Transfers sind nicht dasselbe wie verlorenes Geld.
Ein erheblicher Teil floss in:
- Straßen,
- Bahn,
- Telekommunikation,
- Renten,
- Arbeitslosengeld,
- öffentliche Verwaltung,
- Krankenversicherung,
- Unternehmensförderung,
- Infrastruktur und kommunale Haushalte.
Teile dieser Gelder flossen zudem über Aufträge, Unternehmensgewinne, Banken, Versicherungen und Warenlieferungen wieder an westdeutsche Unternehmen und Beschäftigte zurück.
Deshalb kann man weder sagen:
„Der Westen verschenkte eine Billion DM an den Osten.“
noch:
„Die Transfers spielten keine Rolle.“
Beides wäre ökonomisch zu einfach.
11. Was also übernahm wer?
Die historisch treffendere Antwort lautet:
Der Westen übernahm
- erhebliche Verpflichtungen aus dem DDR-Staatshaushalt,
- dem ostdeutschen Unternehmenssektor,
- der Wohnungswirtschaft,
- der Währungsumstellung
- und dem wirtschaftlichen Zusammenbruch beziehungsweise Umbau der DDR-Wirtschaft.
Der Osten übernahm
- die Institutionen und Rechtsordnung der Bundesrepublik,
- aber damit zugleich auch deren bereits bestehende rund 929 Milliarden DM öffentliche Verschuldung.
Danach übernahmen beide gemeinsam
die neu entstehenden Kosten und Schulden der Vereinigung.
Damit war die finanzielle Einheit keine einseitige Schuldübernahme.
Sie war eine Verschmelzung zweier sehr unterschiedlicher wirtschaftlicher Bilanzen – verbunden mit enormen zusätzlichen Transformationskosten.
12. Die vielleicht wichtigste Zahl
Gerade deshalb ist ein einfacher Vergleich aufschlussreich:
Am Vorabend der Einheit standen ungefähr
929 Milliarden DM bereits vorhandene öffentliche Schulden der alten Bundesrepublik
einer später definierten DDR-„Erblast“ von ungefähr
340 bis 370 Milliarden DM
gegenüber.
Allerdings wäre selbst dieser Vergleich noch nicht sauber, wenn man daraus ableitete:
Westen 929 Milliarden gegen Osten 370 Milliarden.
Denn die beiden Zahlen messen nicht dasselbe.
Die 929 Milliarden sind ein regulärer öffentlicher Schuldenstand zu einem konkreten Zeitpunkt.
Die 340–370 Milliarden sind eine nachträglich gebildete Sammelgröße, die neben echten DDR-Altschulden auch zahlreiche Folgekosten der Transformation enthält.
Genau deshalb ist die verbreitete Vorstellung von der „schuldenfreien Bundesrepublik, die 1990 die verschuldete DDR retten musste“ historisch nicht haltbar.
Ein bewußt satirischer Satz
Man könnte es deshalb zugespitzt formulieren:
Der Westdeutsche wurde 1990 gern darüber informiert, welche Schulden er vom Osten übernehmen müsse. Dem Ostdeutschen erklärte man erheblich seltener, dass er mit seinem Beitritt zugleich Mitbürger eines Staates wurde, der bereits fast eine Billion DM öffentliche Schulden besaß. Und als die Transformation anschließend weitere hunderte Milliarden kostete, wurde ein beträchtlicher Teil dieser neu entstandenen Vereinigungsrechnung rückblickend kurzerhand zur „DDR-Erblast“ erklärt.
Noch schärfer:
Die deutsche Einheit verfügte früh über eine bemerkenswerte Buchhaltung: Westdeutsche Schulden waren Staatsschulden. Ostdeutsche Schulden waren Systemversagen. Und Schulden, die während der Vereinigung entstanden, wurden nicht selten gleich mit auf das historische Konto der DDR gebucht.
Die erste Formulierung ist historisch vorsichtiger; die zweite ist bewusst satirisch und sollte im Essay unmittelbar durch die oben genannten Zahlen abgesichert werden.
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II. Die Vermögens-Doppelbilanz der Deutschen Einheit
Der dritte Teil wird besonders stark, wenn wir nicht einfach eine hohe Vermögenszahl gegen die Treuhandbilanz stellen, sondern zeigen, dass hier überhaupt unterschiedliche Größen miteinander verglichen wurden: volkswirtschaftlicher Grundmittelbestand, Treuhand-Unternehmensvermögen, Verwaltungsvermögen, Infrastruktur und später nach westdeutschem Bilanzrecht bewertete Unternehmen. Genau an dieser Stelle entsteht ein wesentlicher Teil des Streits um die Vermögensbilanz von 1990.
Was brachte die DDR eigentlich mit?
Wer über die „Kosten der deutschen Einheit“ spricht, spricht fast immer über Geld, das von West nach Ost floss.
- Über Transfers.
- Über Subventionen.
- Über Schulden.
- Über den Solidaritätszuschlag.
- Über die Treuhandverluste.
Erstaunlich selten beginnt die Rechnung jedoch mit der einfachsten kaufmännischen Frage:
Was war eigentlich auf der anderen Seite der Bilanz?
Denn ein Staat besteht nicht nur aus Schulden.
Er besitzt auch Vermögen.
- Grundstücke.
- Betriebe.
- Wohnungen.
- Straßen.
- Schienenwege.
- Energieanlagen.
- Wälder.
- Landwirtschaftsflächen.
- Krankenhäuser.
- Schulen.
- Universitäten.
- Kulturhäuser.
- Ferienheime.
- Post- und Telekommunikationsanlagen.
- Patente.
- Auslandsvermögen.
Und am 3. Oktober 1990 verschwand dieses Vermögen nicht.
Es wechselte seine Eigentumsform und seinen Eigentümer.
1. Die erstaunliche Bilanz einer Vereinigung ohne Staatsbilanz
1993 fragte der Bundestagsabgeordnete Fritz Schumann die Bundesregierung nach einer vollständigen Erfassung des übernommenen DDR-Vermögens zum 3. Oktober 1990.
Die Antwort ist bemerkenswert.
Die Bundesregierung erklärte ausdrücklich:
„Die zum Umfang und Wert des Vermögens der ehemaligen DDR zum Stichtag 3. Oktober 1990 erfragten Zahlen stehen überwiegend nicht zur Verfügung, weil eine Staatsbilanz zum Vermögen der DDR per 2./3. Oktober 1990 nicht aufgestellt worden ist.“
Und anschließend:
„Die Bundesregierung sieht keinen Sinn darin, eine solche Bilanz nachträglich aufzustellen.“
Unmittelbar danach folgte der Satz:
„Die Verschuldung der ehemaligen DDR ist aus heutiger Sicht offenkundig.“ Bundestag DServer
Man darf sich diese Konstruktion einen Augenblick lang auf der Zunge zergehen lassen.
Für die Schulden war der Befund offenbar eindeutig.
Für das Vermögen hielt man eine vollständige nachträgliche Bilanz für nicht sinnvoll.
Der Buchhalter könnte an dieser Stelle nervös werden.
Denn normalerweise besitzt eine Bilanz zwei Seiten.
Bei der deutschen Einheit entwickelte sich dagegen gelegentlich der Eindruck:
Die Passiva waren historische Wahrheit.
Die Aktiva waren eine Bewertungsfrage.
2. 1,745 Billionen Mark Grundmittel – was bedeutet diese Zahl?
Eine wichtige Ausgangsgröße findet sich in der letzten DDR-Statistik.
Der volkswirtschaftliche Grundmittelbestand wurde für das Ende der DDR mit ungefähr 1,745 Billionen Mark der DDR angegeben. Davon entfielen etwa 1,25 Billionen Mark auf den produzierenden Bereich. Diese Größenordnung wird in zeitgenössischen beziehungsweise später ausgewerteten DDR-Statistiken genannt. Gvoon
Damit verblieben größenordnungsmäßig rund
495 Milliarden Mark
außerhalb des produzierenden Grundmittelbestands.
Darin lagen beispielsweise Vermögenswerte aus nichtproduzierenden beziehungsweise gesellschaftlichen Bereichen.
Das ist der sachliche Kern hinter der gelegentlich genannten Größenordnung von rund 400 Milliarden Mark sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Vermögens außerhalb des eigentlichen Treuhand-Unternehmenssektors.
Allerdings muss hier eine wichtige Einschränkung gemacht werden:
1,745 Billionen Mark Grundmittelbestand sind nicht dasselbe wie 1,745 Billionen DM Marktwert.
Die DDR-Statistik bewertete Vermögensbestände nach einem anderen Preis-, Rechnungs- und Wirtschaftssystem. Eine einfache Umrechnung Mark der DDR = D-Mark wäre deshalb ökonomisch nicht zulässig.
Aber genauso unzulässig wäre der umgekehrte Schluss:
Weil sich diese 1,745 Billionen nicht direkt in D-Mark umrechnen lassen, sei das Vermögen praktisch wertlos gewesen.
Es handelte sich schließlich um reale Sachwerte.
Ein Kraftwerk verschwindet nicht, weil man seine Bilanzierungsmethode ändert.
Ein Wald hört nicht auf zu existieren.
Eine Wohnung wird nicht zu Nullvermögen.
Eine Eisenbahnstrecke löst sich nicht auf.
Und die Semperoper wird nicht wertlos, weil sie keine Eigenkapitalrendite erwirtschaftet.
3. Was die Treuhand überhaupt nicht vollständig erfasste
Hier liegt einer der wichtigsten Denkfehler der späteren Diskussion.
Die Treuhandbilanz war keine Gesamtbilanz des DDR-Volksvermögens.
Die Bundesregierung bestätigte selbst, dass Verwaltungsvermögen der DDR der Treuhand nicht übertragen wurde. Ebenso gab es eigenständige Kategorien für Finanzvermögen, Sondervermögen und andere öffentliche Vermögensbereiche. Bundestag DServer
Beispielsweise weist dieselbe Bundestagsantwort für die Deutsche Reichsbahn zum 1. Juli 1990 eine Bilanzsumme von etwa
37,55 Milliarden DM
aus. Bundestag DServer
Für Postdienst und Telekom wurden zusammen etwa
6,5 Milliarden DM Bilanzsumme
genannt, zusätzlich rund
4,7 Milliarden DM
für die Postbank. Bundestag DServer
Hinzu kamen unter anderem:
- Verwaltungsgebäude,
- Schulen und Hochschulen,
- Krankenhäuser und Polikliniken,
- Kultur- und Sporteinrichtungen,
- kommunale Infrastruktur,
- Straßen und Brücken,
- Energie- und Versorgungsnetze,
- Wohnungsbestände,
- Grundstücke,
- Wälder,
- Seen,
- landwirtschaftliche Flächen,
- militärische Liegenschaften,
- Auslandsvermögen und
- Vermögen gesellschaftlicher Organisationen.
Gerade deshalb kann das spätere Treuhanddefizit niemals als vollständige Antwort auf die Frage dienen:
„Was war die DDR 1990 wert?“
Es beantwortet lediglich die viel engere Frage:
Wie wurden die der Treuhand übertragenen Unternehmen und Vermögenspositionen nach den neu eingeführten Bilanzregeln bewertet und welche Verpflichtungen wurden ihnen gegenübergestellt?
4. Was die Treuhand tatsächlich übernahm
Schon die Größenordnung war außergewöhnlich.
Im Sommer 1990 wurden der Treuhand zunächst etwa 8.500 volkseigene Betriebe mit rund vier Millionen Beschäftigten übertragen. Durch Aufspaltungen und Umstrukturierungen wuchs das Portfolio später auf etwa 14.600 Unternehmen. bpb.de
Hinzu kamen rund:
1,6 Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche
und etwa
0,8 Millionen Hektar Forstfläche. Bundestag DServer
Allein diese land- und forstwirtschaftlichen Flächen wurden in der D-Mark-Eröffnungsbilanz mit rund 15 Milliarden DM bewertet; nach Restitutionsansprüchen lag der dort ausgewiesene Nettowert niedriger. Bundestag DServer
Die Treuhand war damit zeitweise einer der größten Unternehmenseigner der Welt.
5. Vom erwarteten Vermögen zum bilanziellen Minus
Und nun geschah etwas, das die politische Wahrnehmung der Einheit bis heute prägt.
1990 ging selbst Treuhandchef Detlev Rohwedder noch davon aus, dass die rund 8.000 volkseigenen Betriebe einen Wert von ungefähr
600 Milliarden DM
besitzen könnten.
Die Bundesregierung bestätigte später ausdrücklich, dass diese Zahl von Rohwedder genannt worden war. Sie erklärte allerdings ebenfalls, dass dieser Schätzung keine detaillierte marktwirtschaftliche Bewertung zugrunde gelegen habe. Bundestag DServer
Frühere DDR-Regierungen hatten das Volksvermögen mit ungefähr
1,4 Billionen Mark der DDR
beziffert. Bundestag DServer
Auch Jens Odewald, damaliger Vorsitzender des Treuhand-Verwaltungsrats, erinnerte später daran, dass der Treuhand im Juli 1990 eine Rechnung über ein Bruttovermögen von rund 1.400 Milliarden Mark vorgelegen habe. Nach bilanziellen Abzügen sei damals von etwa 950 Milliarden Mark Nettovermögen ausgegangen worden. IWH Halle
Doch zwei Jahre später sah die Rechnung völlig anders aus.
Die D-Mark-Eröffnungsbilanz der Treuhand bewertete das übertragene Vermögen nur noch mit ungefähr
114 Milliarden DM.
Dem standen Verpflichtungen und Belastungen von mehreren hundert Milliarden DM gegenüber.
Unter Einbeziehung weiterer Verpflichtungen ergab sich ein Fehlbetrag von ungefähr
209 Milliarden DM. Bundestag DServer
Aus einem ursprünglich erwarteten Milliardenvermögen war damit bilanziell ein Milliardenminus geworden.
6. Wie kann Vermögen so schnell verschwinden?
Hier beginnt der eigentliche historische Streit.
Eine Erklärung lautet:
Die DDR-Unternehmen seien zuvor schlicht unrealistisch hoch bewertet worden.
Tatsächlich waren viele Anlagen technisch veraltet, die Produktivität lag deutlich unter westdeutschem Niveau und zahlreiche Betriebe waren unter Weltmarktbedingungen nicht wettbewerbsfähig. Bundesregierung und wirtschaftswissenschaftliche Institute verweisen darauf seit Jahrzehnten. Bundesregierung
Das ist ein Teil der Wahrheit.
Aber eben nur ein Teil.
Denn gleichzeitig veränderten sich innerhalb weniger Monate praktisch sämtliche wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Die DDR-Betriebe verloren:
- ihre bisherige Währung,
- ihre Preisstruktur,
- ihre Kreditbedingungen,
- große Teile ihrer bisherigen Absatzmärkte,
- ihre traditionellen RGW-Handelsbeziehungen
- und teilweise ihre bisherigen Lieferketten.
Gleichzeitig mussten sie plötzlich in D-Mark kalkulieren und unmittelbar mit hochproduktiven westdeutschen und internationalen Unternehmen konkurrieren.
Aus einem Betrieb, der innerhalb einer Planwirtschaft einen positiven Gebrauchswert und eine gesicherte Absatzfunktion besessen hatte, konnte deshalb innerhalb kürzester Zeit ein Unternehmen mit negativem Marktwert werden.
Das bedeutet nicht, dass der frühere DDR-Buchwert automatisch der „wahre“ Wert gewesen wäre.
Es bedeutet aber ebenso wenig, dass der spätere negative Treuhandwert den zeitlosen „wahren Wert“ des DDR-Vermögens darstellt.
Beide Werte entstanden in unterschiedlichen Wirtschaftssystemen.
7. Das Beispiel Grundstück: derselbe Boden, ein völlig anderer Wert
Am deutlichsten wird das beim Grund und Boden.
Ein Grundstück besitzt keinen naturgegebenen Geldwert.
Sein Preis hängt ab von:
- Nutzungsrecht,
- Bebauungsrecht,
- Lage,
- Marktnachfrage,
- Infrastruktur,
- Eigentumsrecht
- und dem jeweiligen Wirtschaftssystem.
Ein volkseigenes Grundstück in der DDR konnte deshalb in der DDR-Bilanz kaum oder völlig anders bewertet sein und wenige Jahre später auf einem westdeutschen Immobilienmarkt einen erheblichen Verkaufspreis erzielen.
Das Grundstück selbst hatte sich nicht verändert.
Das Bewertungssystem hatte sich verändert.
Und genau deshalb ist eine rückwirkende Vermögensbilanz außerordentlich schwierig – aber historisch keineswegs sinnlos.
8. Die 1,2 bis 1,5 Billionen DM – belastbare Zahl oder Gegenrechnung?
Hier sollte man besonders vorsichtig formulieren.
In Veröffentlichungen und retrospektiven Berechnungen werden für das gesamte DDR-Volksvermögen teilweise Werte von ungefähr
1,2 bis 1,5 Billionen DM
genannt.
Diese Zahlen sind jedoch keine allgemein anerkannte amtliche D-Mark-Schlussbilanz der DDR.
Gerade eine solche Bilanz existiert eben nicht.
Die Bundesregierung erklärte 1993 ausdrücklich, ihr seien wissenschaftliche Untersuchungen zum Gesamtvermögen der DDR nicht bekannt; zugleich verwies sie auf die Treuhand-Eröffnungsbilanz als Bestandsaufnahme des überwiegenden Teils der volkseigenen Wirtschaft. Bundestag DServer
Eine wissenschaftsnahe Veröffentlichung zur Geschichte des Volkseigentums kommt beispielsweise auf Größenordnungen von ungefähr 1 bis 1,3 Billionen DM beziehungsweise nennt andere Autoren mit Schätzungen von 1,3 bis 1,4 Billionen DM. Sie weist zugleich auf die erheblichen Bewertungsprobleme hin. Rosa-Luxemburg-Stiftung
Die korrekte Formulierung lautet daher nicht:
„Das DDR-Vermögen war nachweislich 1,5 Billionen DM wert.“
Sondern:
Je nach Bewertungsmethode wurden für das gesamte DDR-Volksvermögen deutlich höhere Werte als die späteren Treuhandansätze geschätzt; eine allgemein verbindliche gesamtstaatliche D-Mark-Vermögensbilanz zum 3. Oktober 1990 existiert jedoch nicht.
Und genau das ist eigentlich der interessantere Befund.
9. Denn die Bundesregierung selbst bestätigte die Bilanzlücke
Die fehlende Gesamtbilanz ist keine Spekulation.
Sie steht schwarz auf weiß in Bundestagsdrucksachen.
Die Bundesregierung erklärte 1993:
Eine Staatsbilanz zum Vermögen der DDR für den 2./3. Oktober 1990 sei nicht aufgestellt worden. Bundestag DServer
Auch Jahre später blieb diese Haltung bestehen.
Die Bundesregierung erklärte erneut, sie halte es nicht für zweckmäßig, eine solche Staatsbilanz nachträglich zu erstellen. Bundestag DServer
Damit bleibt eine bemerkenswerte historische Asymmetrie:
Man kann ziemlich genau beziffern,
- wie hoch die Transfers waren,
- wie hoch die Treuhandschulden waren,
- wie hoch die öffentlichen Belastungen waren,
- und wie hoch die ostdeutschen Altschulden waren.
Aber eine vollständige Gegenrechnung dessen,
was der gesamtdeutsche Staat an Vermögenswerten übernahm,
wurde nicht erstellt.
10. Wer bekam schließlich das Unternehmensvermögen?
Noch entscheidender als der abstrakte Buchwert ist die Frage nach der Eigentumsstruktur nach der Privatisierung.
Historische Untersuchungen zeigen, dass ein sehr großer Teil der privatisierten Unternehmen beziehungsweise des privatisierten Unternehmenskapitals an westdeutsche Investoren ging; ein deutlich kleinerer Anteil gelangte an ausländische beziehungsweise ostdeutsche Eigentümer.
Die häufig zitierte Größenordnung lautet:
etwa 85 Prozent westdeutsch,
rund 10 Prozent ausländisch,
rund 5 Prozent ostdeutsch.
Diese Zahlen werden beispielsweise in zeitgeschichtlichen Darstellungen zur Treuhand genannt. Deutschlandfunk
Die exakte Quote hängt allerdings davon ab, ob man Betriebe, Kapitalwerte oder einzelne Privatisierungsvorgänge zählt.
Unstrittig ist dagegen die Grundrichtung:
Die Eigentümerstruktur der ostdeutschen Wirtschaft wurde innerhalb weniger Jahre fundamental verändert, und westdeutsches Eigentum spielte dabei die dominante Rolle.
11. Das historische Paradox
Damit entsteht ein eigentümliches Bild.
Die DDR-Bürger hatten vier Jahrzehnte lang in einem System gelebt, in dem wesentliche Produktionsmittel formal als
Volkseigentum
bezeichnet wurden.
Dieses Eigentum bedeutete allerdings keineswegs, dass der einzelne Bürger frei über „seinen Anteil“ verfügen konnte.
Es war staatlich beziehungsweise gesellschaftlich verwaltetes Eigentum.
Genau deshalb entstand während der Friedlichen Revolution die Idee:
Wenn dieses Volkseigentum nun privatisiert wird, müsste das Volk wenigstens einen Anteil daran erhalten.
Daraus entstand ursprünglich sogar die Treuhandidee.
Das Treuhandgesetz selbst sah vor, nach einer Bestandsaufnahme des volkseigenen Vermögens möglicherweise verbriefte Anteilsrechte für Sparer vorzusehen, deren Guthaben bei der Währungsumstellung reduziert worden waren. Gesetze im Internet
Dazu kam es nicht.
Aus dem Volkseigentum wurde Privateigentum.
Nur wurde eben nicht das Volk zum privaten Eigentümer.
12. Die eigentliche Vermögensverschiebung
Die historische Kernfrage lautet deshalb nicht nur:
Wie viel war die DDR-Wirtschaft wert?
Sondern:
Wer besaß die Vermögenswerte vorher – und wer besaß sie nachher?
Vor 1990 gehörte ein großer Teil des produktiven Vermögens formal der Allgemeinheit beziehungsweise dem Staat.
Nach Abschluss der Privatisierung gehörten die Unternehmen einzelnen privaten Eigentümern und Kapitalgesellschaften.
Damit fand nicht nur eine wirtschaftliche Transformation statt.
Es fand eine der größten Eigentumsumverteilungen der neueren deutschen Geschichte statt.
Das allein sagt noch nichts darüber aus, ob einzelne Privatisierungen ökonomisch sinnvoll oder falsch waren.
Aber die Eigentumsverschiebung selbst ist eine Tatsache.
13. Die „vergessene“ Seite: gesellschaftliches Vermögen
Noch deutlicher wird die Vermögensfrage außerhalb der Betriebe.
Denn zur DDR gehörten nicht nur Kombinate.
Vierzig Jahre lang waren auch geschaffen worden:
- Wohngebiete,
- Schulen,
- Kindergärten,
- Krankenhäuser,
- Polikliniken,
- Kulturhäuser,
- Theater,
- Bibliotheken,
- Universitäten,
- Sportanlagen,
- Ferienheime,
- Verkehrssysteme,
- Wasserversorgung,
- Stromnetze
- und kommunale Infrastruktur.
Dieses Vermögen erwirtschaftete häufig keinen Gewinn.
Aber deshalb war es nicht wertlos.
Ein Krankenhaus ist volkswirtschaftlich kein wertloses Gebäude, nur weil es keinen Profit ausschüttet.
Eine Schule besitzt gesellschaftlichen Wert, obwohl sie keine Dividende zahlt.
Ein Bahnnetz kann für ein Land unverzichtbar sein und trotzdem betriebswirtschaftlich Defizite erwirtschaften.
Hier liegt vielleicht der fundamentale Unterschied zwischen
Marktwert
und
Volksvermögen.
14. Die Vermögens-Doppelbilanz
Wenn man deshalb die deutsche Einheit wirklich bilanzieren wollte, müsste eine vollständige Rechnung wenigstens vier Kategorien enthalten.
Erstens: die westdeutsche Ausgangsbilanz
Die alte Bundesrepublik brachte
eine leistungsfähige Wirtschaft,
erhebliches privates Vermögen,
moderne Infrastruktur,
international wettbewerbsfähige Unternehmen
– aber auch ungefähr 929 Milliarden DM öffentliche Schulden
in die Einheit ein.
Zweitens: die ostdeutsche Ausgangsbilanz
Die DDR brachte
- Unternehmen,
- Wohnungen,
- Grundstücke,
- Landwirtschaftsflächen,
- Wälder,
- Infrastruktur,
- Bahn und Post,
- soziale Einrichtungen,
- Kulturvermögen,
- Auslandsvermögen
- und weitere Vermögenspositionen
– aber ebenfalls Schulden und erhebliche Modernisierungs- und Sanierungsbedarfe
in die Einheit ein.
Drittens: die Transformationsbilanz
Erst danach entstanden
Treuhandverluste,
Währungsumstellungslasten,
Arbeitsmarktfolgekosten,
Sanierungskosten,
Sozialpläne,
Investitionsprogramme
und neue öffentliche Verschuldung.
Viertens: die Eigentumsbilanz
Und schließlich müsste man fragen:
Wer besaß das Vermögen nach Abschluss der Transformation?
Erst diese vier Rechnungen zusammen wären eine wirkliche ökonomische Bilanz der Einheit.
15. Die vielleicht unbequemste Frage
Und damit kommen wir zu einer Frage, die erstaunlich selten gestellt wird.
Wenn ein Staat einen anderen Staat übernimmt und dessen
- Grundstücke,
- Unternehmen,
- Wälder,
- Bahn,
- Post,
- Gebäude,
- Infrastruktur,
- Wohnungen
- und sonstiges öffentliches Vermögen übernimmt,
warum spricht man anschließend fast ausschließlich über die
Kosten der Übernahme
und kaum über das
übernommene Vermögen?
Natürlich mussten Straßen saniert werden.
Natürlich waren viele Betriebe veraltet.
Natürlich waren Umweltlasten gigantisch.
Natürlich waren Investitionen erforderlich.
Aber Sanierungsbedarf bedeutet nicht:
kein Vermögen.
Wenn jemand ein renovierungsbedürftiges Haus erbt, sagt schließlich auch niemand:
„Er hat nichts geerbt, weil das Dach erneuert werden muss.“
Man zieht die Sanierungskosten vom Vermögenswert ab.
Man erstellt:
eine Bilanz.
16. Und genau diese Bilanz fehlt
Das ist vielleicht der stärkste Befund überhaupt.
Nicht die Behauptung, man könne heute zweifelsfrei sagen, die DDR sei exakt
1,2,
1,4
oder 1,8 Billionen DM wert gewesen.
Das kann man seriös nicht.
Der stärkere Befund lautet:
Eine vollständige gesamtstaatliche Vermögensbilanz der DDR zum Zeitpunkt der deutschen Einheit wurde nie erstellt.
Die Bundesregierung bestätigte dies selbst.
Sie erklärte darüber hinaus ausdrücklich, sie sehe keinen Sinn darin, dies nachzuholen. Bundestag DServer
Und deshalb bleibt die offizielle Rechnung strukturell unvollständig.
Wir kennen sehr genau die Schulden.
Wir kennen die Transfers.
Wir kennen die Treuhandverluste.
Wir kennen den Solidaritätszuschlag.
Aber auf die scheinbar einfache Frage
„Welches gesamte öffentliche Vermögen ging am 3. Oktober 1990 aus der DDR in das vereinigte Deutschland über?“
gibt es bis heute keine vollständige amtliche D-Mark-Schlussbilanz.
Schluss: Das Wunder der deutschen Buchführung
Vielleicht besteht darin das größte ökonomische Wunder der Wiedervereinigung.
Ein kompletter Staat verschwand.
- Seine Schulden konnten gezählt werden.
- Seine Kosten konnten gezählt werden.
- Seine Arbeitslosen konnten gezählt werden.
- Seine Transferzahlungen konnten gezählt werden.
Nur bei seinem Vermögen wurde die Sache plötzlich außerordentlich kompliziert.
Und so entstand im öffentlichen Bewusstsein eine bemerkenswerte Bilanz:
Der Westen brachte Kapital.
Der Osten brachte Kosten.
Eine vollständige Vermögensrechnung würde diese einfache Erzählung zumindest komplizierter machen.
Vielleicht sogar gerechter.
Denn das Gebiet der DDR kam am 3. Oktober 1990 nicht leer in die Bundesrepublik.
Es brachte eine Bevölkerung von rund 16 Millionen Menschen mit.
Es brachte vierzig Jahre ihrer Arbeit mit.
Es brachte Fabriken, Wohnungen, Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Bahnstrecken, Kraftwerke, Wälder, Seen, Äcker und Städte mit.
Vieles davon war sanierungsbedürftig.
Manches war ökonomisch nicht mehr konkurrenzfähig.
Einiges war ökologisch schwer belastet.
Aber es war nicht:
nichts.
Vielleicht müsste deshalb eine ehrliche Vermögensbilanz der deutschen Einheit mit einem Satz beginnen, der in den offiziellen Einheitsfeiern kaum vorkommt:
Die DDR-Bürger kamen 1990 nicht mit leeren Händen.
Sie brachten ein Land mit.
Und die Frage, was aus dessen gemeinsam geschaffenem Vermögen wurde, gehört ebenso zur Geschichte der deutschen Einheit wie die Frage, was diese Einheit gekostet
hat.
Nachtrag:
- Menge: Ca. 21 bis 23 Tonnen Gold (hauptsächlich 1988 als Notreserve beschafft).
- Goldpreis 1990: Im Durchschnitt ca. 383,44 USD je Feinunze (31,1g).
- Gesamtwert 1990: Ca. 283 bis 284 Millionen USD (entsprach ca. 450–490 Mio. DM je nach Tageskurs).
- Verbleib: Ging im Juli 1990 im Zuge der Währungsunion an die Staatsbank der DDR bzw. später an die Deutsche Bundesbank über
IV. Die Reparations-Doppelbilanz der deutschen Einheit
Wer trug nach 1945 die Last des verlorenen Krieges?
Zur wirtschaftlichen Bilanz der deutschen Einheit gehört ein Kapitel, das 1990 beinahe vollständig aus der öffentlichen Rechnung verschwand:
die ungleiche Verteilung der deutschen Reparationslasten nach 1945.
Denn Ost- und Westdeutschland starteten nicht unter denselben wirtschaftlichen Bedingungen in ihre getrennte Nachkriegsgeschichte.
Beide Landesteile gehörten zu dem Deutschland, das den Zweiten Weltkrieg begonnen und Europa verwüstet hatte. Reparationen waren deshalb eine Folge des von Deutschland verursachten Krieges.
Aber die tatsächliche Verteilung dieser Lasten auf die späteren beiden deutschen Staaten war ausgesprochen ungleich.
Gerade deshalb entstand Anfang 1990 eine bemerkenswerte Forderung:
Wenn nun beide deutschen Staaten vereinigt werden sollten – müsse dann nicht auch nachträglich verrechnet werden, dass die Bevölkerung der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR einen überproportionalen Teil der gesamtdeutschen Reparationslast getragen hatte?
1. Die ungleichen Ausgangsbedingungen nach 1945
Im Potsdamer Abkommen wurde grundsätzlich festgelegt, dass die Sowjetunion ihre Reparationsansprüche hauptsächlich aus ihrer eigenen Besatzungszone befriedigen sollte. Die westlichen Siegermächte sollten ihre Ansprüche entsprechend vor allem aus den Westzonen decken.
Das hatte weitreichende Folgen.
Die Sowjetunion hatte durch den deutschen Vernichtungskrieg enorme menschliche und materielle Verluste erlitten und griff zur Kompensation besonders intensiv auf die Wirtschaft ihrer Besatzungszone zurück.
In der SBZ wurden Fabriken demontiert, Maschinen abtransportiert, Eisenbahngleise entfernt, Unternehmen in Sowjetische Aktiengesellschaften überführt und erhebliche Teile der laufenden Produktion als Reparationsleistung entnommen.
Nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung wurden in der SBZ und Ost-Berlin mindestens 2.000 bis 4.000 Betriebe demontiert, mehr als die Hälfte vollständig. Die industrielle Gesamtkapazität der SBZ lag nach Abschluss der großen Demontagephase nur noch bei geschätzt 50 bis 70 Prozent des Standes von 1936.
Andere Darstellungen der bpb nennen rund 3.400 demontierte Betriebe und betonen, dass die SBZ dadurch erheblich stärker belastet wurde als die Westzonen.
Hinzu kamen massive Eingriffe in die Verkehrsinfrastruktur.
Allein bis März 1947 wurden in der sowjetischen Zone etwa 11.800 Kilometer Eisenbahngleis abgebaut; vielerorts verschwand das zweite Gleis ganzer Strecken.
Das waren keine abstrakten Buchungsposten.
Es fehlten danach reale Maschinen.
Reale Produktionsanlagen.
Reale Transportkapazitäten.
Reales industrielles Kapital.
2. Wie hoch waren die Reparationsleistungen tatsächlich?
Hier beginnt allerdings eine wichtige methodische Schwierigkeit.
Es gibt keine einzige allgemein anerkannte Zahl, weil Historiker unterschiedliche Leistungen einbeziehen und verschiedene Preise und Wechselkurse verwenden.
Die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages weisen deshalb ausdrücklich darauf hin, dass die Schätzungen erheblich voneinander abweichen.
Nach offiziellen sowjetischen Angaben hatte die SBZ/DDR bis 1953 Reparationsleistungen im Gegenwert von
4,292 Milliarden US-Dollar zu Preisen von 1938
erbracht.
Für die Westzonen erfasste die Inter-Alliierte Reparationsagentur dagegen zunächst nur
520 Millionen US-Dollar zu Preisen von 1938.
Historiker betrachten allerdings beide offiziellen Größen als unvollständig.
Der Wirtschaftshistoriker Jörg Fisch kam bei einer umfassenderen Berechnung für die SBZ/DDR auf etwa
53 bis 55 Milliarden Mark zu laufenden Preisen
beziehungsweise umgerechnet rund
16,3 Milliarden Dollar zu Preisen von 1938.
Für Westdeutschland berechnete Fisch – einschließlich Leistungen, die in der offiziellen westalliierten Abrechnung fehlten – Reparationsleistungen von rund
16,8 Milliarden Dollar zu Preisen von 1938,
wobei darin allerdings auch unterschiedliche Kategorien enthalten sind. Zieht man zugleich die bis 1953 in den Westen geflossenen ausländischen Hilfen ab, verändert sich die Nettobetrachtung wiederum erheblich.
Genau deshalb sollte man die häufig genannte Formel
„99,2 Milliarden DM Ost gegen 2,1 Milliarden DM West“
nicht als unumstrittene historische Endabrechnung präsentieren.
Diese Zahlen existieren in der Literatur und wurden auch politisch verwendet, beruhen aber auf einer bestimmten Berechnungsmethode.
Selbst das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr weist darauf hin, dass die Höhe der jeweiligen Reparationsleistungen wegen unterschiedlicher Berechnungsmethoden umstritten ist. Es nennt zugleich die Berechnung von 99,2 Milliarden DM für die DDR und 2,1 Milliarden DM für die Bundesrepublik zu Preisen von 1953 als eine der verbreiteten Schätzungen.
Der historisch robustere Befund lautet deshalb:
Die SBZ und später die DDR wurden in den ersten Nachkriegsjahren durch Demontagen und Entnahmen aus der laufenden Produktion deutlich stärker belastet als die westlichen Besatzungszonen.
Auch die bpb spricht von einem Belastungsverhältnis von ungefähr 1 : 3 zuungunsten des Ostens, wenn man die kriegsbedingten wirtschaftlichen Lasten umfassender betrachtet.
3. Warum diese Belastung für die spätere Entwicklung entscheidend war
Reparationen sind nicht nur Zahlungen.
Sie verändern den Ausgangspunkt wirtschaftlicher Entwicklung.
- Wenn einem Land Maschinen fehlen,
- wenn Produktionsanlagen abgebaut werden,
- wenn Eisenbahngleise verschwinden,
- wenn laufende Produktion abgeführt wird,
- dann fehlen genau jene Mittel, die für Wiederaufbau und Investitionen benötigt werden.
Die SBZ musste also gleichzeitig:
- ihre zerstörten Städte wiederaufbauen,
- Flüchtlinge und Vertriebene integrieren,
- die Produktion neu organisieren
- und zusätzlich erhebliche Reparationsleistungen aufbringen.
Die bpb kommt deshalb zu dem Schluss, dass die Demontagen und Reparationsentnahmen die wirtschaftliche Entwicklung der SBZ nachhaltig erschwerten.
Das bedeutet allerdings nicht, dass sämtliche späteren wirtschaftlichen Probleme der DDR auf Reparationen zurückgeführt werden können.
- Auch die zentralisierte Planwirtschaft,
- Fehlinvestitionen,
- Innovationsprobleme,
- mangelnde internationale Wettbewerbsfähigkeit
- und politische Fehlentscheidungen
- spielten später erhebliche Rollen.
Aber der wirtschaftliche Startpunkt war eben nicht symmetrisch.
4. Während der Osten demontiert wurde, begann im Westen der Wiederaufbau
Hier gewinnt die Reparationsfrage ihre eigentliche politische Brisanz.
Die westlichen Zonen wurden ebenfalls demontiert und trugen ebenfalls Kriegsfolgekosten.
Aber Umfang und Dauer unterschieden sich.
Gleichzeitig wurde Westdeutschland seit 1948 in den Marshallplan eingebunden und erhielt Zugang zu westlichen Kapital-, Technologie- und Absatzmärkten.
Die SBZ dagegen musste erhebliche Ressourcen an die Sowjetunion abführen.
Es entstanden somit zwei gegensätzliche Kapitalbewegungen:
Im Westen floss zusätzliches Aufbaukapital hinein.
Im Osten floss gleichzeitig ein erheblicher Teil des erwirtschafteten Kapitals hinaus.
Das spätere westdeutsche Wirtschaftswunder und die schwächere Kapitalausstattung der DDR lassen sich selbstverständlich nicht allein daraus erklären.
Aber wer 1990 die unterschiedlichen Produktivitätsniveaus beider Systeme miteinander verglich, verglich eben auch Volkswirtschaften, die 1945 unter sehr unterschiedlichen Bedingungen gestartet waren.
5. Die vergessene Rechnung von 1990: 727 Milliarden DM
Genau an dieser Stelle setzte die sogenannte Bremer Initiative an.
Am 14. Februar 1990 berichtete die taz über einen von dem Bremer Historiker Arno Peters entwickelten Reparations-Ausgleichsplan.
Mehrere Hochschullehrer und Bremer Politiker unterstützten die Initiative.
Ihre Forderung lautete:
727.165.791.041 DM
sollte die Bundesrepublik als Reparationsausgleich an die DDR zahlen.
Die Zahl wirkt zunächst geradezu absurd präzise.
Sie entstand jedoch aus einer nachvollziehbaren – wenn auch politisch und ökonomisch stark diskutierbaren – Rechenoperation.
Peters ging von einer seiner Ansicht nach ungerecht verteilten Reparationslast aus.
Nach seiner Berechnung hatte die DDR beziehungsweise die SBZ bis Ende 1953 ungefähr 72,2 Milliarden DM mehr Reparationsleistungen getragen, als bei einer proportionalen Aufteilung auf beide deutschen Staaten auf sie entfallen wären.
Diesen Betrag rechnete er bis 1989 hoch.
Allein nach Kaufkraftentwicklung entsprächen die 72,2 Milliarden DM laut seiner Darstellung rund 211 Milliarden DM von 1989; nach einem Baukostenindex sogar rund 482 Milliarden DM.
Peters ging jedoch einen anderen Weg.
Er verzinste den angenommenen Ausgleichsanspruch mit 6,625 Prozent jährlich – ungefähr jenem Zinssatz, den die DDR für westdeutsche Kredite der 1980er Jahre zahlen musste.
Damit kam er auf:
727.165.791.041 DM.
6. Was diese 727 Milliarden DM sind – und was sie nicht sind
Gerade für eine seriöse Doppelbilanz ist diese Unterscheidung entscheidend.
Die Zahl von 727 Milliarden DM ist keine amtlich festgestellte Reparationsschuld der Bundesrepublik gegenüber der DDR.
Sie ist auch kein allgemein anerkannter historischer Schadensbetrag.
Sie war eine politisch-ökonomische Modellrechnung.
Ihre Höhe hängt wesentlich davon ab,
welche ursprüngliche Reparationssumme zugrunde gelegt wird,
wie die Last zwischen Ost und West verteilt werden soll,
ob überhaupt ein innerdeutscher Ausgleichsanspruch angenommen wird
und welchen Zinssatz man über mehrere Jahrzehnte ansetzt.
Schon kleine Änderungen des Zinssatzes führen über 36 Jahre zu enorm unterschiedlichen Ergebnissen.
Die Zahl kann daher nicht schlicht als historische Tatsache formuliert werden.
Der zugrunde liegende Sachverhalt hingegen ist sehr real:
Die Bevölkerung des östlichen Deutschlands trug nach 1945 einen überproportional hohen Anteil der Reparations- und Demontagelasten.
7. Eine Forderung aus der letzten Volkskammer
Die Idee blieb nicht ausschließlich eine Bremer akademische Initiative.
Sie erreichte auch das Parlament der DDR.
Am 23. August 1990 diskutierte die Volkskammer einen PDS-Antrag, der auf Peters‘ Berechnung Bezug nahm.
Im stenografischen Protokoll wird ausdrücklich die Forderung nach einem Reparationsausgleich von 727 Milliarden DM erwähnt.
Der Antrag setzte sich politisch nicht durch.
Klaus Steinitz, damals selbst PDS-Abgeordneter der letzten Volkskammer, bezeichnete die damalige Forderung Jahrzehnte später rückblickend sogar selbst als „völlig unrealistisch“.
Er hielt jedoch den zugrunde liegenden historischen Punkt weiterhin für wichtig: Die hohe ostdeutsche Reparationsbelastung hätte seiner Auffassung nach wenigstens moralisch und historisch anerkannt werden müssen.
Diese rückblickende Differenzierung ist bemerkenswert.
Denn sie trennt zwei Fragen:
War die Forderung nach 727 Milliarden DM politisch oder rechtlich realistisch?
Wohl kaum.
Und:
War das dahinterstehende Reparationsungleichgewicht historisch real?
Dafür gibt es erhebliche historische Belege.
8. Der merkwürdige Zeitpunkt der deutschen Bilanz
Damit erhält die deutsche Einheit eine weitere ökonomische Ironie.
1990 wurde intensiv darüber diskutiert,
- wie hoch die DDR verschuldet sei,
- wie teuer ihre Betriebe seien,
- wie viel ihre Modernisierung kosten werde
- und wie viele Milliarden der Westen aufbringen müsse.
Sehr viel weniger prominent wurde gefragt:
Mit welcher wirtschaftlichen Ausgangslast war der Osten überhaupt in seine vierzigjährige Nachkriegsgeschichte gestartet?
Die Reparationsleistungen lagen zu diesem Zeitpunkt fast vier Jahrzehnte zurück.
Ihre unmittelbaren Buchungen waren verschwunden.
Ihre wirtschaftlichen Folgen jedoch nicht zwingend.
Denn Kapital, das 1946 demontiert wurde, konnte 1947 nicht investieren.
Eine Maschine, die abtransportiert wurde, erzeugte keine Produkte.
Eine abgebaute Bahnstrecke transportierte keine Rohstoffe.
Und Investitionen, die in den 1940er und frühen 1950er Jahren unterblieben, beeinflussten die Kapitalstruktur späterer Jahrzehnte.
9. Reparationslast versus Wirtschaftssystem
Gerade deshalb ist Vorsicht in beide Richtungen notwendig.
Es wäre zu einfach zu sagen:
„Die DDR war 1989 wirtschaftlich schwächer, weil sie nach 1945 Reparationen zahlen musste.“
Vierzig Jahre Wirtschaftsgeschichte lassen sich nicht auf eine einzige Ursache reduzieren.
Ebenso zu einfach wäre jedoch:
„Die DDR war wirtschaftlich schwächer, also war allein ihr Wirtschaftssystem verantwortlich.“
Auch das blendet historische Ausgangsbedingungen aus.
Eine faire Bilanz muss beides berücksichtigen:
die Reparations- und Demontagelasten,
und
die späteren systembedingten wirtschaftlichen Fehlentwicklungen der DDR.
10. Und was geschah 1990 mit dieser historischen Belastung?
Praktisch nichts.
Im Einigungsvertrag spielte ein innerdeutscher Reparationsausgleich keine relevante Rolle.
Die DDR trat der Bundesrepublik bei.
Es fand kein finanzieller Lastenausgleich statt, mit dem die unterschiedliche Reparationsbelastung der beiden deutschen Nachkriegsstaaten rückwirkend korrigiert wurde.
Die Bremer Initiative blieb politisch folgenlos.
Auch Steinitz schreibt rückblickend, die Forderung sei im Vereinigungsprozess nicht berücksichtigt worden.
Damit entstand wiederum eine asymmetrische Rechnung:
Die wirtschaftlichen Schwächen der DDR wurden 1990 als Teil ihrer aktuellen Bilanz bewertet.
Ein Teil ihrer historischen Entstehungsbedingungen dagegen wurde nicht bilanziert.
11. Hat der Zwei-plus-Vier-Vertrag die Reparationsfrage beendet?
Hier sollte man juristisch besonders präzise sein.
Der Zwei-plus-Vier-Vertrag vom 12. September 1990 erwähnt Reparationen nicht ausdrücklich.
Die Bundesregierung vertritt jedoch seit langem die Auffassung, der Vertrag habe die aus dem Zweiten Weltkrieg resultierenden Rechtsfragen einschließlich der Reparationsfrage abschließend geregelt.
Diese Auffassung wurde auch von deutscher Rechtsprechung übernommen.
Deshalb wäre die Aussage
„Der Zwei-plus-Vier-Vertrag enthält ausdrücklich einen Reparationsverzicht“
falsch.
Präziser ist:
Nach Auffassung der Bundesregierung und deutscher Gerichte führte der Zwei-plus-Vier-Vertrag zu einer abschließenden Regelung, obwohl Reparationen darin nicht ausdrücklich genannt werden.
Diese Rechtsauffassung ist im internationalen Diskurs nicht in jedem Zusammenhang unumstritten; insbesondere andere Staaten haben einzelne Reparationsfragen anders bewertet. Für einen hypothetischen innerdeutschen Anspruch der DDR gegenüber der Bundesrepublik ergab sich 1990 jedoch ohnehin keine praktisch durchsetzbare Grundlage.
12. Der entscheidende Unterschied: Reparationen und spätere West-Ost-Transfers sind nicht dasselbe
Häufig wird auf die Reparationsfrage mit einem anderen Argument geantwortet:
Seit 1990 seien schließlich enorme Geldbeträge von West nach Ost geflossen.
Das stimmt.
Je nach Abgrenzung werden die langfristigen öffentlichen Bruttotransfers seit der Einheit auf Größenordnungen von mehr als zwei Billionen Euro geschätzt.
Doch diese Rechnung beantwortet eine andere Frage.
Die Transfers nach 1990 dienten unter anderem:
- Renten,
- Arbeitslosenversicherung,
- Infrastruktur,
- kommunalen Haushalten,
- Wirtschaftsförderung,
- Sozialleistungen
- und dem institutionellen Aufbau.
Sie waren keine Reparationsausgleichszahlungen.
Man kann politisch argumentieren, dass die gesamtdeutschen Transfers einen historischen Ausgleich faktisch mitbewirkt hätten.
Aber buchhalterisch und rechtlich sind beide Kategorien nicht identisch.
13. Wie sähe eine wirkliche Reparations-Doppelbilanz aus?
Eine vollständige Bilanz müsste wenigstens vier Ebenen voneinander unterscheiden.
Ebene 1: deutsche Gesamtverantwortung
Der Ausgangspunkt darf nicht vergessen werden:
Die Reparationspflicht entstand aus dem von NS-Deutschland begonnenen Krieg und den gewaltigen Zerstörungen in Europa und insbesondere in der Sowjetunion.
Ostdeutsche waren nicht „Opfer fremder Willkür“, weil Deutschland keinerlei Verantwortung getragen hätte.
Deutschland hatte Reparationen zu leisten.
Ebene 2: Verteilung innerhalb Deutschlands
Die entscheidende innerdeutsche Frage lautet dagegen:
Wie wurde diese gesamtdeutsche Last geografisch verteilt?
Hier sprechen viele historische Befunde für eine deutliche Überbelastung der SBZ/DDR.
Ebene 3: wirtschaftliche Langzeitfolgen
Demontagen und laufende Entnahmen reduzierten Kapitalstock und Investitionsmöglichkeiten des Ostens in der entscheidenden Wiederaufbauphase.
Diese Belastung muss bei einem historischen Ost-West-Vergleich berücksichtigt werden.
Ebene 4: Einheit 1990
Bei der finanziellen Vereinigung wurde dafür kein eigener innerdeutscher Ausgleich berechnet.
Die DDR-Wirtschaft wurde 1990 auf ihren damaligen Zustand bewertet – nicht darauf, welche historischen Reparationsleistungen sie vier Jahrzehnte zuvor getragen hatte.
14. Die 727-Milliarden-Frage
Damit gewinnt die spektakuläre Zahl der Bremer Initiative einen anderen Sinn.
Man muss die 727 Milliarden DM nicht für eine objektiv richtige Forderung halten, um die Frage dahinter ernst zu nehmen.
Die eigentliche Frage lautet:
Wenn nach 1990 akribisch berechnet wurde, welche wirtschaftlichen Lasten die DDR der Bundesrepublik hinterließ – warum wurde bei der Gegenrechnung nicht ebenso systematisch berücksichtigt, welchen überproportionalen Anteil Ostdeutschland zuvor an den gesamtdeutschen Reparationsleistungen getragen hatte?
Darauf gibt es keine einfache buchhalterische Antwort.
Denn es handelt sich um unterschiedliche Zeiträume, unterschiedliche Staaten, unterschiedliche Währungen und unterschiedliche volkswirtschaftliche Systeme.
Aber historisch verschwindet die Frage dadurch nicht.
15. Die ökonomische Pointe
So könnte man die Geschichte satirisch zusammenfassen:
1945 hieß es im Osten:
Deutschland hat den Krieg verloren – also zahlt.
1990 hieß es:
Die DDR hat den Systemwettbewerb verloren – also zahlt noch einmal.
Die erste Rechnung bestand aus Maschinen, Fabriken, Gleisen und laufender Produktion.
Die zweite aus Schulden, Transformationskosten, Treuhanddefiziten und ökonomischer Abwertung.
Was in der öffentlichen Erzählung wesentlich seltener vorkam, war der Gedanke:
Vielleicht müsste zwischen beiden Rechnungen einmal ein Gleichheitszeichen versucht werden.
Nicht um die Geschichte nachträglich umzukehren.
Nicht um die Verantwortung Deutschlands für den Zweiten Weltkrieg zu relativieren.
Und auch nicht, um aus 727 Milliarden DM eine nachträgliche Rechtsforderung zu konstruieren.
Sondern um zu verstehen, dass die beiden deutschen Staaten 1949 wirtschaftlich nicht vom selben Startblock losliefen.
Schluss: Die vergessene Hypothek des Ostens
Wenn heute über die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von DDR und Bundesrepublik gesprochen wird, beginnt der Vergleich häufig 1949 und endet 1989.
Aber ein seriöser Vergleich muss mindestens vier Jahre früher beginnen.
Denn zwischen 1945 und 1949 wurde ein erheblicher Teil der späteren Ausgangsbedingungen geschaffen.
Im Westen:
Demontagen – aber in deutlich geringerem Umfang,
zunehmende Einbindung in westliche Märkte,
Marshallplan,
Kapitalzufluss
und ein günstiger werdendes internationales Wirtschaftsumfeld.
Im Osten (DDR):
stärkere Demontagen,
Reparationslieferungen,
Entnahmen aus laufender Produktion,
Abbau von Infrastruktur
und eine erhebliche Verringerung des industriellen Kapitalstocks.
Danach begann der Systemwettbewerb.
Vierzig Jahre später erklärte sein Sieger, warum er gewonnen hatte.
Vielleicht gehört zu einer wirklichen Bilanz der deutschen Einheit deshalb auch die unbequeme Feststellung:
Die Bundesrepublik übernahm 1990 eine wirtschaftlich schwächere DDR. Aber sie übernahm damit zugleich einen Landesteil, dessen Bevölkerung nach 1945 einen überproportionalen Teil der Reparationslast des gemeinsamen deutschen Krieges getragen hatte.
Die Bremer Initiative bezifferte den daraus konstruierten Ausgleichsanspruch 1990 auf spektakuläre 727.165.791.041 DM. Diese Summe war eine Modellrechnung, keine anerkannte Staatsschuld.
Der historisch wichtigere Satz braucht dagegen keine dreizehnstellige Zahl:
Die Reparationslast war ungleich verteilt.
Und wer 1990 eine endgültige ökonomische Bilanz zwischen Ost und West ziehen wollte, hätte auch diese Seite des Kontos zumindest sichtbar machen müssen.
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„Vierfache Bilanz der Einheit“:
1. soziale und ökonomische Einheit,
2. Schulden-Doppelbilanz,
3. Vermögens-Doppelbilanz,
4. Reparations-Doppelbilanz.
Zusammengenommen entsteht daraus bereits die Struktur eines längeren Essays oder eines eigenständigen Buchkapitels.
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Nachtrag:
„DDR baute Bahn, die BRD baute ab: Wie 2.600 km DDR-Gleise verschwanden
Oder: Wie die DDR aus 12.000 km demontierten Gleisen wieder ein Netz gebaut hat – und die BRD es später komplett zerlegte…
Nach 1945 war im Osten nichts „perfekt ausgebaut“. Da lagen Bahnhöfe in Schutt, Brücken waren gesprengt, Strecken beschädigt – und als wäre das nicht genug, wurde zusätzlich noch systematisch Substanz abgetragen: durch Reparationen und Demontagen (die fast ausschließlich die DDR zu tragen hatte!).
In der sowjetischen Besatzungszone wurden bis 1947 rund 12.000 Kilometer Gleise abgebaut.
ZWÖLFTAUSEND.
Zusätzlich wurde auf nahezu allen zweigleisigen Strecken das zweite Gleis abgebaut (Ausnahme: wichtige Magistrale). Das ist keine „Randnotiz der Geschichte“, das ist ein infrastruktureller Aderlass, ein K.O. für ein Land. Und genau aus diesem Zustand heraus musste die DDR überhaupt erst wieder ein Bahnnetz aufbauen, das den Alltag eines ganzen Landes tragen konnte.
In der DDR arbeiteten 250.000 Werktätige für die Deutsche Reichsbahn und bauten ein modernes Eisenbahnnetz aus über 14.000 km Gleisen auf, aus dem Nichts.“


