
„Inkompetenz“ meint hier nicht mangelnde Intelligenz einzelner Politiker und auch nicht, dass sämtliche Parteien identisch seien. Gemeint ist eine strukturelle politische Inkompetenz: der Verlust der Fähigkeit, gesellschaftliche Ziele zu hierarchisieren, Rückmeldungen ernsthaft zu verarbeiten und die tieferen Steuerungsbedingungen des Systems selbst zum Gegenstand politischer Entscheidung zu machen. Genau diese Definition lässt sich sehr gut mit der KKS und der SynKyberNoetik verbinden. Die sechs Prioritäten gehören dabei zu einem eigenständigen KOB/KKS-Denkmodell und sind keine allgemein anerkannte politikwissenschaftliche Taxonomie; als heuristisches Steuerungsmodell können sie jedoch systematisch verwendet werden. Die Grundidee ist ein tragfähiger Ausgangspunkt: – Politik sei dann kompetent, wenn sie existenzielle Güter erkennen, ordnen und bei Zielkonflikten Prioritäten tatsächlich durchsetzen könne .
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Über die politische Inkompetenz aller Parteien im Westen heute
Eine synkybernoetische Betrachtung politischer Steuerungsunfähigkeit
Die Behauptung, heute seien im Westen „alle Parteien politisch inkompetent“, klingt zunächst wie eine jener Pauschalformeln, mit denen politische Enttäuschung sich Luft macht. Wörtlich genommen wäre sie falsch. Parteien unterscheiden sich erheblich: in ihrer Wirtschafts-, Energie-, Migrations-, Sozial-, Außen- und Kulturpolitik, in ihren Wählergruppen, ihren Wertvorstellungen und ihren institutionellen Interessen.
Und dennoch könnte hinter der Übertreibung eine tiefere Wahrheit liegen.
Denn möglicherweise besteht die eigentliche Krise westlicher Politik gar nicht darin, dass die Parteien zu wenig wissen, zu wenig verwalten oder zu wenig Programme besitzen. Vielleicht besteht sie vielmehr darin, dass sie zunehmend innerhalb eines gemeinsamen Steuerungsrahmens handeln, dessen grundlegende Voraussetzungen kaum noch politisch zur Disposition stehen.
Dann wäre politische Inkompetenz etwas anderes als Unwissenheit.
Sie wäre der Verlust konzeptioneller Souveränität.
Eine Regierung kann administrativ hochprofessionell und zugleich strategisch inkompetent sein. Sie kann Ministerien organisieren, Gesetze verfassen, Milliardenprogramme auflegen, internationale Konferenzen besuchen, Krisenstäbe bilden und täglich Entscheidungen treffen – und dennoch unfähig sein, die entscheidende Frage zu beantworten:
Was soll dieses Gemeinwesen langfristig erhalten, und welches Ziel muss im Konfliktfall welchem anderen Ziel weichen?
Politik beginnt nicht mit Maßnahmen.
Politik beginnt mit einer Rangordnung.
Politik heißt: Prioritäten setzen
Die hier verwendete Konzeption Kollektiver Sicherheit betrachtet Gesellschaft nicht lediglich als Summe von Interessengruppen, sondern als ein steuerungsfähiges Gesamtsystem.
Jedes solche System muss zunächst wissen, was es erhalten will.
- Wer gehört zum Bezugsraum politischer Verantwortung?
- Welche materiellen, sozialen, kulturellen und geistigen Voraussetzungen sollen geschützt werden?
- Was ist unverzichtbar?
- Was ist wünschenswert, aber nachgeordnet? Und welches Ziel muss im Konfliktfall zurücktreten?
- Ohne diese Unterscheidungen entsteht keine Strategie.
Es entsteht eine Wunschliste.
Genau darin liegt ein zentrales Problem gegenwärtiger Politik: Fast jedes politische Anliegen wird inzwischen mit höchster Dringlichkeit ausgestattet. Klima ist existenziell. Sicherheit ist existenziell. Wettbewerbsfähigkeit ist existenziell. Migration ist existenziell. Menschenrechte sind existenziell. Verteidigung ist existenziell. Digitalisierung ist existenziell. soziale Sicherheit ist existenziell. Energieversorgung ist existenziell.
Doch ein System, in dem alles höchste Priorität besitzt, besitzt faktisch keine Prioritäten mehr.
Steuerung verlangt Auswahl.
Jede ernsthafte Politik muss deshalb irgendwann den unbequemen Satz sprechen können:
Dieses Ziel ist wichtig – aber jenes ist wichtiger.
Politische Programme vermeiden diesen Satz zunehmend. Sie versprechen stattdessen Gleichzeitigkeit: mehr Wachstum und weniger Ressourcenverbrauch, mehr militärische Sicherheit und mehr soziale Ausgaben, mehr Wettbewerbsfähigkeit und mehr Regulierung, günstige Energie und umfassende Transformation, offene Volkswirtschaften und nationale Resilienz.
Viele dieser Ziele können miteinander vereinbar sein. Manche geraten jedoch zumindest zeitweise in reale Zielkonflikte.
Gerade dort zeigt sich Steuerungsfähigkeit.
Die sechs Ebenen gesellschaftlicher Steuerung
Die KKS betrachtet gesellschaftliche Macht über sechs unterschiedlich tief wirkende Prioritäten. In der hier verwendeten Fassung reichen sie von Weltanschauung und Methodologie über Geschichtsbild und Chronologie, Faktologie, Wissen und Information, Ökonomie und Finanzordnung, biologische und demographische Reproduktion bis zur unmittelbaren materiellen beziehungsweise militärischen Gewalt.
Die KOB/KKS-Tradition versteht diese Ebenen ausdrücklich als unterschiedlich weitreichende gesellschaftliche Steuerungsmittel; die ersten Ebenen wirken langsamer, prägen dafür aber langfristig den Rahmen, innerhalb dessen die unteren Ebenen überhaupt interpretiert werden. (vodaspb.ru)
Gerade dadurch lässt sich eine eigentümliche Schwäche moderner Parteien erklären.
Parteien streiten mit großer Intensität auf den unteren und mittleren Ebenen.
Sie streiten über Steuersätze, Sozialleistungen, CO₂-Grenzwerte, Grenzkontrollen, Waffenlieferungen, Rentenalter, Schulden, Mindestlohn oder Subventionen (und eigene Diäten).
Das sind reale politische Konflikte.
Aber wesentlich seltener streiten sie darüber, welches Menschenbild, welches Geschichtsverständnis und welches langfristige Gesellschaftsmodell diesen Einzelentscheidungen zugrunde liegen sollen.
Damit kann eine paradoxe Situation entstehen:
Je heftiger der politische Streit auf Ebene drei bis sechs wird, desto weniger sichtbar wird die Übereinstimmung auf Ebene eins und zwei.
Die Oberfläche polarisiert sich.
Der Rahmen bleibt stabil.
Vom Parteienwettbewerb zum gemeinsamen Rahmen
Diese Beobachtung ist keineswegs auf die KKS beschränkt. Die Politikwissenschaft diskutiert seit Jahrzehnten ähnliche Entwicklungen unter anderen Begriffen.
Richard Katz und Peter Mair entwickelten beispielsweise die umstrittene, aber einflussreiche These der „Kartellpartei“: Parteien könnten sich zunehmend mit staatlichen Institutionen verbinden und dadurch trotz fortbestehenden Wahlwettbewerbs gemeinsame institutionelle Interessen entwickeln. Die Autoren betonen selbst, dass dies ein Idealtypus und keine Beschreibung jeder einzelnen Partei ist. (Sage Journals)
Hinzu kommen internationale ökonomische und institutionelle Bindungen. Eine 2026 veröffentlichte Studie über die Europäische Union kommt etwa zu dem Ergebnis, dass die Verlagerung politischer Zuständigkeiten auf die EU in bestimmten Politikfeldern die Bandbreite national angebotener Parteipositionen verringern kann. (Cambridge University Press)
Das bedeutet nicht, dass Parteien bedeutungslos geworden sind.
Es bedeutet etwas Subtileres:
Der politische Wettbewerb kann intensiv bleiben, während der Bereich dessen, worüber überhaupt noch grundsätzlich entschieden wird, kleiner wird.
1991 und das Verschwinden einer Systemalternative
Hier gewinnt das Jahr 1989/91 eine Bedeutung, die über den Zusammenbruch der DDR und der Sowjetunion hinausgeht.
Der Staatssozialismus war weder demokratisch noch ökonomisch dauerhaft erfolgreich. Seine politische Ordnung beschränkte Freiheit, institutionalisierte Machtkonzentration und erwies sich wirtschaftlich als immer weniger tragfähig. Eine Rückkehr zu ihm wäre deshalb keine Antwort auf die heutige Politi-Krise.
Aber etwas anderes verschwand mit ihm:
ein konkurrierendes Gesellschaftsmodell.
Solange dieses Modell existierte, musste sich der westliche Kapitalismus nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial legitimieren.
Der Wohlfahrtsstaat, Mitbestimmung, soziale Aufstiegsmöglichkeiten und eine breite Teilhabe am materiellen Wohlstand existierten selbstverständlich nicht ausschließlich wegen der Systemkonkurrenz. Aber diese Konkurrenz bildete einen Teil des historischen Kontextes, in dem westliche Sozial- und Wirtschaftspolitik stattfand.
Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks verschob sich insbesondere die europäische Sozialdemokratie. Die unter Tony Blair und Gerhard Schröder entwickelte „Third Way“- beziehungsweise „Neue Mitte“-Politik akzeptierte wesentlich stärker Marktmechanismen, Privatisierung, Globalisierung und private Kapitalbildung, während sie soziale Ziele innerhalb dieses Rahmens zu verwirklichen suchte. Die Forschung beschreibt diesen Wandel ausführlich, bewertet seine Ursachen und Folgen allerdings unterschiedlich. (OUP Academic)
Deshalb wäre es zu einfach zu behaupten, seit 1991 seien sämtliche politischen Unterschiede verschwunden.
Treffender wäre:
Die grundlegende Systemfrage verlor an politischer Zentralität.
Dieser Gedanke kann als Verlust einer „konfliktfähigen Rangordnung“ gesehen werden: Der Westen habe nach 1991 nicht bessere Prioritäten innerhalb einer freien Ordnung gesucht, sondern zunehmend den Eindruck erzeugt, grundlegende Prioritätenkämpfe seien überhaupt erledigt.
Das ist als historische These plausibler als die Behauptung einer einzigen Ursache. Denn Globalisierung, demographischer Wandel, europäische Integration, technologische Veränderungen, Medienstrukturen und veränderte soziale Milieus trugen ebenfalls zur Transformation europäischer Politik bei. Eine monokausale Interpretation von 1991 sollte ausdrücklich vermieden werden.
Die synkybernoetische Diagnose
Hier beginnt die eigentliche Erweiterung durch die SynKyberNoetik.
Sie betrachtet gesellschaftliche Entwicklung gleichzeitig unter drei Perspektiven:
Noetik – Sinn und Richtung.
Kybernetik – Steuerung und Rückkopplung.
Synergetik – Selbstorganisation und Emergenz.
Politische Krisen entstehen demnach nicht allein durch falsche Einzelentscheidungen. Sie können entstehen, wenn diese drei Ebenen auseinanderfallen.
Noetische Krise: Niemand beantwortet mehr die Frage „Wozu?“
- Die Noetik fragt nach dem übergeordneten Sinn.
- Was ist das Menschenbild einer Gesellschaft?
- Was versteht sie unter Freiheit oder Demokratie?
- Was bedeutet Wohlstand?
- Welches Verhältnis soll zwischen Individuum, Gemeinschaft, Natur, Technik und künftigen Generationen bestehen?
- Was soll Deutschland oder Europa in dreißig oder fünfzig Jahren sein?
Eine Politik, die solche Fragen nicht mehr formulieren kann, ersetzt Sinn durch Kennzahlen.
Dann wird Wachstum zum Ziel, weil Wachstum gemessen werden kann. Transformation wird zum Ziel, weil Transformation beschlossen wurde. Wettbewerbsfähigkeit wird zum Ziel, weil andere ebenfalls konkurrieren.
Doch Ziele können nicht aus sich selbst begründet werden.
Noetisch gesprochen fehlt der Sollwert oberhalb der Sollwerte.
Kybernetische Krise: Rückkopplung ohne Kurskorrektur
Ein kybernetisch funktionierendes System braucht Rückmeldung.
Es setzt einen Sollwert, misst den Istzustand, erkennt Abweichungen und korrigiert sein Verhalten.
Demokratische Wahlen, öffentliche Debatten, parlamentarische Opposition, freie Medien, Gerichte, Wissenschaft und gesellschaftliche Proteste können als solche Rückkopplungskanäle verstanden werden.
Doch Rückkopplung funktioniert nur dann, wenn sie tatsächlich Verhalten verändern kann.
Ein Thermostat, das zwar die Temperatur misst, aber die Heizung niemals verändert, ist kein funktionierendes Regelsystem.
Auf Politik übertragen bedeutet dies: Sinkende Zustimmung oder gesellschaftlicher Protest beweisen für sich genommen weder, dass eine Regierung falsch liegt, noch dass die Opposition recht hat. Sie sind aber Information über den Systemzustand.
Wer solche Signale grundsätzlich nur als Kommunikationsproblem behandelt, verliert einen Teil seiner Lernfähigkeit.
Eine Demokratie braucht deshalb nicht bloß Wahlen.
Sie braucht Fehlerkorrekturfähigkeit.
Synergetische Krise: Das System reproduziert sich selbst
Die Synergetik ergänzt einen entscheidenden Gedanken.
Komplexe Systeme werden nicht ausschließlich von einem Zentrum gesteuert. Sie entwickeln stabile Muster – Attraktoren –, in die sich Verhalten immer wieder hineinordnet.
Deshalb muss man zur Erklärung westlicher Politik keine geheime Kommandozentrale annehmen.
Banken, internationale Konzerne, Gewerkschaften, Verwaltungen, supranationale Institutionen, Medien, Parteien, NGOs, Wählergruppen, Finanzmärkte und Sicherheitsapparate besitzen unterschiedliche Ressourcen und Interessen.
Aus ihrem Zusammenspiel können Strukturen (z.B.. Netzwerke) entstehen, die niemand allein geschaffen hat und die dennoch sehr stabil sind.
Das ist ein wesentlich stärkeres Argument als die Behauptung, eine einzelne Gruppe kontrolliere alles.
Systemmacht braucht keinen allmächtigen Systemlenker.
Sie kann emergieren.
Gerade darin liegt ihre Stabilität.
Warum auch Protestparteien nicht automatisch Systemalternativen sind
An diesem Punkt wird die Frage interessant, ob neue rechte oder populistische Parteien tatsächlich eine andere gesellschaftliche Steuerungsordnung anbieten.
Die Antwort lässt sich nicht pauschal geben.
Sie verändern teilweise erhebliche politische Positionen. Das aktuelle AfD-Bundestagswahlprogramm fordert beispielsweise eine andere Russland-, Sanktions-, Energie-, Migrations- und EU-Politik und lehnt eine weitere NATO-Osterweiterung ab.
Gleichzeitig bekennt sich die Partei ausdrücklich zur Sozialen Marktwirtschaft, zu Wettbewerb und freiem Unternehmertum, fordert Unternehmenssteuersenkungen und setzt unter anderem auf kapitalgedeckte private Altersvorsorge.
Deshalb wäre die Aussage, zwischen AfD und etablierten Parteien bestünden „kaum Unterschiede“, sachlich zu grob.
Die interessantere systemische Frage lautet vielmehr:
Auf welcher der sechs Steuerungsebenen befindet sich der Unterschied?
Eine Partei kann auf Migration, Energie oder Außenpolitik erheblich vom bisherigen Kurs abweichen und trotzdem große Teile der bestehenden Wirtschafts- und Eigentumsordnung übernehmen.
Umgekehrt kann eine Partei starke Veränderungen der Wirtschaftsordnung fordern und gleichzeitig die außenpolitische oder institutionelle Grundordnung weitgehend beibehalten.
Damit wird „Alternative“ zu einem relativen Begriff.
Eine Partei kann eine politische Alternative innerhalb eines Systems darstellen, ohne eine Alternative zum zugrunde liegenden System darzustellen.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Die zugespitzte These von rechten Protestparteien als bloßer „zweiter Verteidigungslinie von Banken und Konzernen“ bleibt eine Interpretation, keine nachgewiesene Tatsache. Interessanter ist die dahinterliegende analytische Frage: Ob politische Opposition lediglich Personal und Einzelpolitiken austauscht oder auch die tieferen Prioritäten gesellschaftlicher Steuerung verändert.
Das eigentliche Defizit: operative Kompetenz bei strategischer Orientierungslosigkeit
Vielleicht ist also der Begriff „politische Inkompetenz“ sogar missverständlich.
Westliche Politik besitzt enorme operative Kompetenz.
Sie verfügt über hochqualifizierte Verwaltungen, Daten, Experten, Universitäten, Zentralbanken, internationale Organisationen und technische Steuerungsinstrumente.
Das Problem könnte gerade darin bestehen, dass die operative Steuerungsfähigkeit gewachsen ist, während die Fähigkeit zur übergeordneten Zielbestimmung schwächer geworden ist.
Dann wäre der Westen nicht untersteuert.
Er wäre falsch verschachtelt gesteuert.
Auf P3 entstehen immer größere Informationsmengen.
Auf P4 existieren hochentwickelte ökonomische Steuerungsinstrumente.
Auf P5 lassen sich Bevölkerung, Gesundheit und Lebensbedingungen in bislang ungekanntem Maß statistisch erfassen.
Auf P6 existieren enorme militärische und technologische Fähigkeiten.
Aber je weiter man zu P2 und P1 aufsteigt, desto unklarer wird der gemeinsame gesellschaftliche Sollwert.
Das wäre aus synkybernoetischer Sicht eine klassische Kohärenzstörung:
Die Mittel werden immer leistungsfähiger, während der Sinn ihrer Verwendung immer umstrittener wird.
Von der Links-Rechts-Achse zur Vertikalen der Steuerung
Damit verändert sich auch die politische Fragestellung.
Die traditionelle Links-Rechts-Achse bleibt relevant, aber sie reicht nicht mehr aus.
SynKyberNoetisch müsste zusätzlich vertikal gefragt werden:
- Auf welcher Steuerungsebene bewegt sich ein Konflikt?
- Wer definiert dort den Sollwert?
- Welche Interessen besitzen Rückkopplungsmacht?
- Welche Annahmen dürfen überhaupt noch hinterfragt werden?
- Welches Geschichtsbild legitimiert die gegenwärtige Ordnung?
- Welches Menschenbild liegt ihr zugrunde?
- Und welche materiellen Folgen erzeugt sie langfristig?
Plötzlich erkennt man, warum heftige politische Polarisierung und strukturelle Kontinuität gleichzeitig existieren können.
Man kann sich erbittert über P3 streiten und P1 unangetastet lassen.
- Man kann Regierungen austauschen und P4 stabil halten.
- Man kann eine vollkommen neue Sprache verwenden und dennoch innerhalb desselben übergeordneten Attraktors bleiben.
Was politische Kompetenz dann bedeuten würde
Politische Kompetenz wäre aus dieser Perspektive weder „links“ noch „rechts“.
Sie bestünde zuerst in konzeptioneller Handlungsfähigkeit.
Eine politisch steuerungsfähige Gesellschaft müsste wissen,
- welches Kollektiv Gegenstand ihrer Verantwortung ist;
- welche elementaren Güter sie langfristig sichern will;
- wie sie diese Güter hierarchisiert;
- wie Zielkonflikte entschieden werden;
- und über welche demokratischen Rückkopplungen diese Rangordnung verändert werden kann.
Sie müsste außerdem unterscheiden können zwischen Fehler und Feind, zwischen Kritik und Delegitimierung, zwischen kurzfristiger Störung und langfristiger Gefährdung.
- Vor allem aber müsste sie bereit sein, ihre eigenen Prämissen zu überprüfen.
Denn ein System, das nur noch innerhalb seiner bestehenden Kategorien Lösungen suchen darf, besitzt zwar Verwaltung, aber immer weniger echte Steuerung.
Das eigentliche Parteienproblem
Damit erhält die provokante Formel von der „Inkompetenz aller Parteien“ einen präziseren Sinn.
Nicht alle Parteien sind gleich.
Nicht alle vertreten dieselben Interessen.
Nicht alle verfolgen dieselben politischen Ziele.
Und keineswegs ist jede Entscheidung westlicher Regierungen deshalb falsch.
Die tiefere Kritik lautet vielmehr:
Das Parteiensystem könnte zunehmend Schwierigkeiten haben, jene Ebene zu erreichen, auf der die Ordnung seiner eigenen Prioritäten selbst verhandelt wird.
Dann produziert es Alternativen innerhalb des Rahmens, aber immer seltener Alternativen des Rahmens.
Regierung und Opposition wechseln.
Programme ändern sich.
Personen kommen und gehen.
Die tieferen Attraktoren bleiben vergleichsweise stabil.
Genau darin liegt die synkybernoetische Bedeutung des Problems.
Es handelt sich weniger um das Versagen einzelner Politiker als um eine mögliche Entkopplung von Noetik, Kybernetik und Synergetik:
Der Sinn ist unklar.
Die Rückkopplung verliert Wirkung.
Und die Selbstorganisation stabilisiert zunehmend jene Strukturen, die bereits vorhanden sind.
Schluss: Eine Gesellschaft ohne Steuerstand?
Vielleicht ist deshalb das entscheidende Kennzeichen der gegenwärtigen Krise nicht, dass der Westen keine Politik mehr besitzt.
Er besitzt außerordentlich viel Politik.
Gesetze, Programme, Gipfeltreffen, Strategien, Sanktionen, Förderprogramme, Richtlinien, Expertengremien und Kommunikationskampagnen nehmen ständig zu.
Das Problem könnte tiefer liegen:
Es gibt immer mehr Steuerungsakte, aber immer weniger Verständigung darüber, wohin eigentlich gesteuert werden soll.
Die KKS würde dies als Verlust der Prioritätenordnung beschreiben.
Die Kybernetik erkennt darin eine Störung von Sollwertbildung und Rückkopplung.
Die Synergetik zeigt, wie sich ein solches System trotzdem stabilisieren und selbst reproduzieren kann.
Und die Noetik stellt schließlich jene Frage, die keine Verwaltung beantworten kann:
Welchem Sinn soll das Ganze dienen?
Erst dort beginnt die politische Frage wieder wirklich offen zu werden.
Nicht:
Welche Partei soll herrschen?
Sondern:
Nach welcher Ordnung der Werte, der Wirklichkeit und der Prioritäten soll eine Gesellschaft sich selbst steuern?
Vielleicht besteht die eigentliche politische Krise des Westens deshalb nicht darin, dass ihm Parteien fehlen.
Sondern darin, dass Parteien allein noch keine Konzeption sind.
Und ohne eine öffentlich erkennbare, demokratisch korrigierbare und langfristig kohärente Konzeption wird Politik schließlich das, was sie niemals sein sollte:
Verwaltung der Bewegung – ohne Gewissheit über die Richtung.


