
Über eine Vision von einer deutschen menschengerechten natürlichen Gesellschaft.
Eine historische Präzisierung vorweg:
Goethe selbst entwickelte keine Theorie der sozialen Dreigliederung. Der konkrete Entwurf von Geistesleben – Rechtsleben – Wirtschaftsleben stammt von Rudolf Steiner. Goethe liefert dafür eher die geistige Grundhaltung: organisches Denken, Entwicklung aus inneren Gesetzmäßigkeiten, die Idee des lebendigen Ganzen statt mechanischer Zergliederung. Steiner knüpfte ausdrücklich an den mitteleuropäischen „Goetheanismus“ an und verband ihn mit seiner sozialen Dreigliederung.
VIII. Vision einer menschengerechten natürlichen Gesellschaft
Die deutsche Aufgabe nach der Einheit
Vielleicht führt die bisherige Bilanz der deutschen Einheit zu einer überraschenden Konsequenz.
Nicht zurück zur DDR.
Nicht zurück zur alten Bundesrepublik.
Auch nicht zu einer neuen Teilung Deutschlands.
Sondern:
vorwärts zu einer neuen Gesellschaft.
Einer Gesellschaft, die nicht fragt:
Welches der beiden Systeme hat gewonnen?
Sondern:
Welche Ordnung entspricht dem Menschen?
Denn vielleicht lag der historische Irrtum von 1990 gerade darin, einen Systemwettbewerb mit einer endgültigen Antwort auf die soziale Frage zu verwechseln.
Der Staatssozialismus war gescheitert.
Daraus wurde geschlossen:
Der westliche Kapitalismus habe gesiegt.
Doch drei Jahrzehnte später zeigen
ökologische Krisen,
Vermögenskonzentration,
Wohnungsnot,
Pflegenotstand,
Bildungskrise,
Entfremdung von Politik,
ökonomischer Wachstumszwang,
gesellschaftliche Polarisierung
und zunehmende geopolitische Konfrontation,
dass auch die westliche Ordnung keineswegs das Ende gesellschaftlicher Entwicklung darstellt.
Vielleicht besteht Deutschlands eigentliche Aufgabe deshalb nicht darin, die Einheit von 1990 zu vollenden.
Vielleicht besteht sie darin,
über beide deutschen Systeme hinauszugehen.
1. Goethe: Das Lebendige kann man nicht wie eine Maschine organisieren
Goethes Naturerkenntnis beruhte auf einer einfachen, aber tiefen Einsicht:
Das Lebendige lässt sich nicht wirklich verstehen, indem man es nur in seine Einzelteile zerlegt.
Ein Organismus entsteht aus dem Zusammenwirken seiner Glieder.
Jedes Organ besitzt seine Eigenart.
Und doch lebt es nur im Zusammenhang des Ganzen.
Diese Betrachtungsweise ist das Gegenteil einer mechanistischen Gesellschaftsvorstellung.
Eine Maschine wird von außen konstruiert.
Ein Organismus entwickelt seine Gestalt von innen.
Überträgt man diesen Gedanken auf Gesellschaft, verändert sich die politische Frage grundlegend.
Dann lautet sie nicht mehr:
Wie kontrolliert der Staat möglichst effizient alle gesellschaftlichen Bereiche?
Aber auch nicht:
Wie kann der Markt möglichst viele Bereiche gesellschaftlichen Lebens übernehmen?
Sondern:
Welche Lebensbereiche besitzen jeweils ihre eigene innere Gesetzmäßigkeit – und unter welchen Bedingungen können sie sich gesund entfalten?
Genau an diesem Punkt setzt Rudolf Steiner an.
2. Steiner: Ein gesunder sozialer Organismus braucht drei eigenständige Glieder
Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte Steiner seine Idee der
sozialen Dreigliederung.
Der soziale Organismus sollte nicht mehr von einem einzigen Machtzentrum beherrscht werden.
Denn Schule funktioniert nach anderen Gesetzmäßigkeiten als ein Parlament.
Ein Parlament funktioniert nach anderen Gesetzmäßigkeiten als ein Unternehmen.
Und eine Wirtschaft funktioniert wiederum nach anderen Gesetzmäßigkeiten als Kunst, Wissenschaft oder Religion.
Steiner unterschied deshalb drei relativ eigenständige gesellschaftliche Bereiche:
1) Geistesleben
Bildung, Wissenschaft, Kultur, Kunst, Religion, Medien, Forschung und freie geistige Entwicklung.
2) Rechtsleben
Demokratie, Gesetzgebung, Grundrechte, politische Gleichheit und alles, was das Verhältnis eines Menschen zu einem anderen als gleichberechtigten Bürger betrifft.
3) Wirtschaftsleben
Produktion, Konsum, Handel, Arbeitsteilung und Versorgung der menschlichen Bedürfnisse.
Jeder dieser Bereiche benötigt nach Steiner ein anderes gesellschaftliches Grundprinzip.
Seine berühmte Zuordnung lautet:
- Freiheit im Geistesleben
- Gleichheit im Rechtsleben
- Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben.
Steiner begründete dies damit, dass die drei Ideale Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit widersprüchlich werden, wenn man sie unterschiedslos auf alle gesellschaftlichen Bereiche gleichzeitig anwenden will. Erst in einem dreigegliederten sozialen Organismus könnten sie sich gegenseitig ergänzen.
3. Freiheit – aber dort, wo Freiheit hingehört
Heute wird Freiheit überwiegend wirtschaftlich verstanden.
Freiheit bedeutet:
- investieren,
- kaufen,
- verkaufen,
- besitzen,
- Unternehmen gründen,
- Kapital bewegen.
Ausgerechnet dort aber, wo Freiheit für die menschliche Entwicklung am wichtigsten wäre, finden wir zunehmend institutionelle Steuerung:
- Bildungspläne,
- Prüfungssysteme,
- Finanzierungsabhängigkeiten,
- politische Förderprogramme,
- ökonomischen Publikationsdruck,
- Medienkonzentration
- und ideologische Milieus.
Eine menschengerechte Gesellschaft würde deshalb die Prioritäten umkehren.
Nicht zuerst:
Freiheit des Kapitals.
Sondern:
Freiheit des Geistes.
Das bedeutet:
Lehrer müssen pädagogisch arbeiten können, ohne ständig politischen oder ökonomischen Vorgaben zu folgen.
Wissenschaft muss Erkenntnis suchen dürfen, auch wenn ihre Ergebnisse gerade nicht erwünscht sind.
Künstler müssen provozieren dürfen.
Journalisten müssen Regierung und Opposition gleichermaßen kritisch prüfen können.
Ärzte und Therapeuten brauchen fachliche Freiheit innerhalb klarer ethischer und wissenschaftlicher Standards.
Religiöse und weltanschauliche Gemeinschaften dürfen sich frei entfalten, solange sie die Rechte anderer respektieren.
Eltern und junge Menschen benötigen echte Vielfalt bei Bildungswegen.
Das Geistesleben darf weder vom Staat noch vom Kapital beherrscht werden.
Steiner sah gerade darin eine Grundbedingung gesellschaftlicher Erneuerung: individuelle Fähigkeiten und Talente könnten sich nur in einem freien geistig-kulturellen Leben wirklich entwickeln.
4. Gleichheit – aber wirklich Gleichheit
Im Rechtsleben gilt dagegen etwas völlig anderes.
Hier darf nicht gelten:
- Wer mehr besitzt, hat mehr Macht.
- Wer mehr Medien kontrolliert, hat mehr Stimme.
- Wer die besseren Lobbyisten bezahlt, schreibt die besseren Gesetze.
- Wer eine höhere gesellschaftliche Stellung besitzt, bekommt mehr Recht.
Hier muss gelten:
ein Mensch – eine Stimme – ein Recht.
Nicht wirtschaftlicher Wert.
- Nicht Bildung.
- Nicht Herkunft.
- Nicht Vermögen.
- Nicht politische Verbindung.
Sondern:
Menschsein.
Das Rechtsleben umfasst deshalb jene Bereiche, in denen Menschen einander als Gleiche begegnen:
- Grundrechte,
- Arbeitsrecht,
- Bürgerrechte,
- Schutz der Person,
- demokratische Mitbestimmung,
- soziale Mindeststandards,
- Rechtsstaatlichkeit
- und politische Verantwortlichkeit.
Steiner ordnete gerade deshalb dem demokratischen Rechtsstaat das Prinzip der Gleichheit zu. Dort gehe es um Fragen, über die Menschen als gleichberechtigte Bürger entscheiden können und müssen.
Eine menschengerechte Demokratie wäre daher keine Zuschauerveranstaltung, bei der der Bürger alle vier Jahre ein Kreuz setzt.
Sie müsste wesentlich stärker
- kommunal,
- föderal,
- direktdemokratisch,
- transparent
- und subsidiär
- organisiert werden.
Was vor Ort entschieden werden kann, gehört nicht nach Berlin.
Was eine Region entscheiden kann, gehört nicht zwangsläufig zum Bund.
Und was Bürger selbst gestalten können, sollte ihnen kein Ministerium abnehmen.
5. Brüderlichkeit – ausgerechnet in der Wirtschaft
Hier liegt Steiners vielleicht radikalster Gedanke.
Denn ausgerechnet dort, wo unsere heutige Gesellschaft Wettbewerb zum nahezu universellen Prinzip erhoben hat, fordert die Dreigliederung:
Brüderlichkeit.
Das bedeutet nicht:
- Alle bekommen gleich viel.
- Es bedeutet auch nicht:
- Der Staat plant jede Produktion.
- Und es bedeutet nicht:
- Private Initiative wird abgeschafft.
- Gemeint ist etwas anderes.
- Wirtschaft existiert nicht um ihrer selbst willen.
Sie existiert,
um menschliche Bedürfnisse zu befriedigen.
- Niemand produziert sein Brot selbst.
- Niemand baut allein sein Haus.
- Niemand stellt sein Auto vollständig selbst her.
- Arbeitsteilung bedeutet:
- Wir leben längst gegenseitig voneinander.
- Jeder arbeitet für andere.
- Und andere arbeiten für ihn.
Die moderne Wirtschaft ist deshalb faktisch bereits ein System gegenseitiger Abhängigkeit.
Nur ihr Bewusstsein ist häufig noch:
Konkurrenz.
Steiner wollte das Wirtschaftsleben deshalb stärker durch Assoziationen und Kooperation zwischen Produzenten, Handel und Konsumenten organisieren. Wirtschaftliche Entscheidungen sollten nicht ausschließlich aus Kapitalrendite entstehen, sondern aus Wissen über reale Bedürfnisse, Produktionsmöglichkeiten und gesellschaftliche Folgen.
6. Die Wirtschaft dient dem Leben – nicht das Leben der Wirtschaft
Eine natürliche Gesellschaft würde daher eine einfache Rangordnung wiederherstellen:
Der Mensch ist Zweck.
Die Wirtschaft ist Mittel.
Heute geschieht häufig das Gegenteil: Geld und materieller Besitz hat Macht („regiert die Welt“)
- Standorte müssen „wettbewerbsfähig“ sein.
- Menschen müssen „beschäftigungsfähig“ sein.
- Regionen müssen sich „rechnen“.
- Krankenhäuser müssen profitabel sein.
- Pflege muss effizient sein.
- Bildung soll dem Arbeitsmarkt dienen.
- Natur wird zur Ressource.
- Zeit wird Geld.
Und irgendwann stellt sich niemand mehr die einfache Frage:
Wofür eigentlich?
Eine menschenwürdige Wirtschaft würde Erfolg anders messen.
Nicht nur:
- Bruttoinlandsprodukt.
- Aktienkurs.
- Exportüberschuss.
- Kapitalrendite.
Sondern:
- Gesundheit.
- Wohnqualität.
- Zeitwohlstand.
- Versorgungssicherheit.
- Familienstabilität.
- Bildung.
- ökologische Regeneration.
- soziale Verbundenheit.
- kulturelle Lebendigkeit.
- und die Möglichkeit des Menschen,
sich entwickeln zu können.
7. Eigentum als Verantwortung
Auch das Eigentum müsste neu gedacht werden.
Zwischen zwei Extremen:
Alles dem Staat
und
alles dem privaten Kapital
liegt ein großes, bisher wenig entwickeltes Feld.
Eigentum könnte stärker verstanden werden als
Treuhandschaft auf Zeit.
Wer ein Unternehmen führt, erhält Gestaltungsmacht.
Aber mit dieser Macht entsteht Verantwortung:
- gegenüber Beschäftigten,
- Kunden,
- Region,
- Natur
- und zukünftigen Generationen.
Kapital wäre dann kein abstrakter Anspruch auf ewige Rendite.
Es wäre ein Instrument, mit dem Fähigkeiten produktiv werden können.
Steiners Eigentumsvorstellungen gingen tatsächlich in diese Richtung: Kapital sollte nicht unbegrenzt vererbbar und dauerhaft konzentriert sein, sondern dort zirkulieren, wo Fähigkeiten und gesellschaftliche Aufgaben es sinnvoll einsetzen können.
Für die Gegenwart könnte dies unterschiedliche Formen bedeuten:
- Stiftungsunternehmen,
- Genossenschaften,
- Mitarbeitereigentum,
- kommunale Unternehmen,
- gemeinnützige Träger,
- Bodenstiftungen
- und private Unternehmen mit stärkerer gesellschaftlicher Bindung.
Nicht eine Eigentumsform für alles.
Sondern:
Vielfalt der Eigentumsformen entsprechend ihrer Aufgabe.
8. Boden darf keine gewöhnliche Ware sein
Eine natürliche Gesellschaft muss besonders beim Boden beginnen.
- Niemand hat Land hergestellt.
- Niemand hat Wälder produziert.
- Niemand hat Flüsse erfunden.
- Niemand hat Bodenschätze geschaffen.
- Boden ist deshalb fundamental anders als ein Tisch oder ein Fahrrad.
Trotzdem behandeln moderne Märkte Grundstücke zunehmend wie beliebige handelbare Vermögenswerte.
Die Folge:
- Bodenspekulation,
- steigende Mieten,
- steigende Immobilienpreise,
- Verdrängung
- und leistungslose Vermögensgewinne.
Eine menschengerechte Ordnung könnte deshalb Eigentum am Boden stärker vom Nutzungsrecht unterscheiden.
Grund und Boden könnten langfristig häufiger
- kommunal,
- genossenschaftlich,
- stiftungsgebunden
- oder gemeinwohlorientiert
- gehalten werden.
Menschen und Unternehmen erhalten sichere Nutzungsrechte.
Aber der Boden selbst wird schrittweise der reinen Spekulation entzogen.
Das könnte eine der wirksamsten Voraussetzungen für bezahlbares Wohnen überhaupt sein.
9. Wohnen ist zuerst Lebensraum
Wohnungen sind keine gewöhnlichen Konsumgüter.
Der Mensch benötigt Wohnung,
- um schlafen,
- lieben,
- Kinder erziehen,
- sich erholen
- und überhaupt ein Privatleben führen zu können.
Deshalb gehört ein ausreichender Bestand an bezahlbarem Wohnraum zur gesellschaftlichen Grundinfrastruktur.
Eine menschengerechte deutsche Gesellschaft würde:
- kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungsbau stärken,
- Bodenspekulation begrenzen,
- Leerstand reduzieren,
- regionale Baukultur fördern,
- kleinteiliges Eigentum ermöglichen
- und verhindern, dass Wohnraum primär zum globalen Finanzprodukt wird.
Das Ziel wäre nicht:
jeder erhält dieselbe Wohnung.
Sondern:
Niemand verliert seine Würde an der Wohnungstür.
10. Bildung: Nicht Menschen für das System formen
Vielleicht zeigt sich der Unterschied zwischen einer mechanischen und einer organischen Gesellschaft nirgends deutlicher als in der Schule.
Heute fragen wir häufig:
Was muss ein Kind lernen, damit es später auf dem Arbeitsmarkt funktioniert?
Eine menschenorientierte Bildung fragt:
Wer ist dieser Mensch?
- Welche Fähigkeiten bringt er mit?
- Was interessiert ihn?
- Was möchte sich durch ihn entwickeln?
- Welche körperlichen,
- emotionalen,
- künstlerischen,
- sozialen,
- handwerklichen
- und intellektuellen Fähigkeiten wollen wachsen?
Hier treffen sich Goethe und Steiner besonders deutlich:
Entwicklung bedeutet nicht,
eine äußere Form aufzuzwingen.
Entwicklung bedeutet,
das im Wesen Angelegte zur Erscheinung kommen zu lassen.
Schule wäre dann weniger Sortieranlage und mehr Entwicklungsraum.
11. Gesundheit statt Gesundheits-Wirtschaft
Dasselbe gilt für Medizin.
Ein System, das wirtschaftlich davon profitiert, dass möglichst viele Leistungen erbracht werden, besitzt zwangsläufig andere Anreize als eines, dessen Ziel möglichst viele gesunde Menschen sind.
Eine menschengerechte Gesundheitsordnung müsste deshalb Prävention und Therapie neu ausbalancieren.
Sie würde verbinden:
- moderne Akutmedizin,
- Hausarztversorgung,
- Pflege,
- Psychotherapie,
- Bewegung,
- Ernährung,
- soziale Medizin
- und wissenschaftlich überprüfbare komplementäre Verfahren.
Regionale Gesundheitszentren könnten verschiedene Fachrichtungen unter einem Dach verbinden.
Nicht Krankheit wäre das organisatorische Zentrum.
Sondern:
der ganze Mensch.
12. Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit
Auch der Arbeitsbegriff müsste sich verändern.
Menschen arbeiten,
- wenn sie Kinder erziehen.
- Wenn sie Angehörige pflegen.
- Wenn sie Vereine organisieren.
- Wenn sie Nachbarschaftshilfe leisten.
- Wenn sie kulturell tätig sind.
- Wenn sie sich weiterbilden.
Die heutige Ökonomie erkennt jedoch überwiegend nur jene Tätigkeit vollständig an, die monetär verrechnet wird.
Eine menschenorientierte Gesellschaft müsste deshalb
- Erwerbsarbeit,
- Sorgearbeit,
- Gemeinschaftsarbeit
- und individuelle Entwicklung
neu ins Verhältnis setzen.
Das Ziel wäre weder staatlich garantierte Beschäftigung um jeden Preis noch permanente Existenzangst.
Das Ziel wäre:
sinnvolle Tätigkeit und soziale Sicherheit.
13. Die Gemeinde wird wieder zum Lebensraum
Der moderne Zentralstaat versucht immer mehr Probleme aus immer größerer Entfernung zu lösen.
Eine natürliche Gesellschaft würde die Richtung umkehren.
Von unten
13. Die Gemeinde wird wieder zum Lebensraum
Der moderne Zentralstaat versucht immer mehr Probleme aus immer größerer Entfernung zu lösen.
Eine natürliche Gesellschaft würde die Richtung umkehren.
Von unten
- Mensch.
- Familie.
- Nachbarschaft.
- Gemeinde.
- Region.
- Land.
- Bund.
- Europa.
Was unten gelöst werden kann, soll unten bleiben.
Das ist Subsidiarität nicht nur als Verwaltungsprinzip, sondern als
soziale Ökologie.
Denn Verantwortung wächst dort, wo Menschen die Folgen ihrer Entscheidungen erleben.
Eine Gemeinde weiß besser als ein Bundesministerium,
- welches Kulturhaus sie braucht,
- wo ein Pflegezentrum fehlt,
- wie ihre Schule organisiert werden könnte
- oder welches Grundstück nicht an einen Spekulanten verkauft werden sollte.
14. Natur ist kein Rohstofflager
Eine natürliche Gesellschaft erkennt noch etwas anderes:
Der Mensch steht nicht außerhalb der Natur.
- Er ist Teil von ihr.
- Wirtschaft, die ihre natürlichen Grundlagen zerstört, ist deshalb nicht erfolgreich.
- Sie verzehrt lediglich ihr eigenes Fundament.
- Ökologie wäre daher kein zusätzliches Ministerium neben Wirtschaft.
- Sie wäre eine Grundbedingung wirtschaftlichen Handelns.
- Landwirtschaft müsste Bodenfruchtbarkeit erhalten.
- Wälder müssten als Lebensräume behandelt werden.
- Wasser darf kein beliebiger Rohstoff werden.
- Produkte müssten reparierbar sein.
Regionale Kreisläufe wären dort sinnvoll, wo sie Versorgungssicherheit und Ressourcenschonung erhöhen.
Technischer Fortschritt bliebe willkommen.
Aber seine Frage wäre nicht nur:
Können wir das?
Sondern:
Dient es dem Leben?
15. Technik dient dem Menschen
Das betrifft besonders Digitalisierung und künstliche Intelligenz.
Eine menschenorientierte Gesellschaft wäre weder technikfeindlich noch technikgläubig.
- Sie würde Technik als Werkzeug betrachten.
- Nicht der Mensch passt sich der Maschine an.
- Die Maschine dient dem Menschen.
- Digitalisierung müsste deshalb
- Zeit freisetzen,
- Verwaltung vereinfachen,
- Wissen zugänglich machen,
- medizinische Versorgung verbessern
- und schwere Arbeit reduzieren.
- Wo sie dagegen
- Überwachung,
- Manipulation,
- Abhängigkeit,
- Entmündigung
- oder permanente Erreichbarkeit erzeugt,
- muss die Gesellschaft Grenzen setzen.
Fortschritt ist nicht:
mehr Technik.
Fortschritt ist:
mehr Menschlichkeit durch Technik.
16. Ein anderes Verständnis von Frieden
Auch Außenpolitik würde sich verändern.
Ein menschenorientiertes Deutschland müsste nicht zwischen
- Unterwerfung
- und Großmachtrolle
- wählen.
- Seine Stärke könnte gerade darin liegen,
- Brücken zu bauen.
Mitteleuropa liegt geographisch und kulturell zwischen Ost und West.
Deutschland könnte daraus keine geopolitische Überlegenheit, sondern eine
Vermittlungsaufgabe
ableiten.
- Sicherheitspolitik bliebe notwendig.
- Aber ihr oberstes Ziel wäre:
- Krieg verhindern,
- Kommunikationskanäle offenhalten,
- wirtschaftliche Kooperation ermöglichen,
- Rüstungskontrolle fördern
- und Interessen unterschiedlicher Seiten verstehen, ohne ihre Handlungen automatisch gutzuheißen.
- Ein friedensfähiges Land besitzt Verteidigungsfähigkeit.
Aber es besitzt ebenso
Verhandlungsfähigkeit.
17. Eine Gesellschaft braucht wieder Sinn
Vielleicht liegt unter allen gegenwärtigen Krisen noch eine tiefere.
Menschen wissen immer weniger,
wofür ihre Gesellschaft eigentlich existiert.
Für Wachstum?
Für Wettbewerbsfähigkeit?
Für geopolitische Stärke?
Für Konsum?
Für die nächste technologische Innovation?
Eine Gesellschaft, die nur Mittel optimiert, aber ihren Zweck nicht mehr kennt, verliert ihre Orientierung.
Goethes Denken führt hier zurück zum Lebendigen.
Steiners Dreigliederung führt zurück zum Menschen.
Der Sinn einer Gesellschaft wäre danach erstaunlich einfach:
Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen ihre Fähigkeiten frei entwickeln, einander als Gleiche begegnen und ihre materiellen Bedürfnisse in gegenseitiger Verantwortung befriedigen können.
Nicht der Mensch für das System.
Das System für den Menschen.
18. Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit neu verstanden
Damit erhalten die drei großen Ideale eine konkrete Gestalt.
FREIHEIT
im Geistesleben
- Freiheit des Denkens.
- Freiheit der Wissenschaft.
- Freiheit der Kunst.
- Freiheit der Bildung.
- Freiheit der Weltanschauung.
- Freiheit individueller Entwicklung.
GLEICHHEIT
im Rechtsleben
- Gleiche Würde. (Die Menschenwürde ist in Art. 1 Abs. 1 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland mit dem Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ als oberster Grundwert verankert)
- Gleiche Bürgerrechte.
- Gleiche Stimme.
- Gleichheit vor dem Gesetz.
- Demokratische Beteiligung.
- Schutz vor Machtmissbrauch.
BRÜDERLICHKEIT
im Wirtschaftsleben
- Kooperation.
- Assoziation.
- Gemeinwohlorientierung.
- Faire Teilung der Wertschöpfung.
- Verantwortung für Natur und Gesellschaft.
- Wirtschaften für Bedürfnisse statt ausschließlich für Kapitalvermehrung.
Genau diese Zuordnung bildet den Kern von Steiners sozialer Dreigliederung.
19. Deutschland hätte dafür eine besondere historische Voraussetzung
Gerade Deutschland besitzt aufgrund seiner Geschichte eine besondere Möglichkeit.
Es hat innerhalb weniger Generationen erlebt:
- Monarchie,
- Republik,
- Nationalsozialismus,
- Kapitalismus,
- Staatssozialismus,
- Teilung,
- Wiedervereinigung
- und europäische Integration.
Kaum eine Gesellschaft Mitteleuropas hat in so kurzer Zeit so unterschiedliche Ordnungen praktisch durchlebt.
Das könnte als Last betrachtet werden.
Oder als
Erfahrungsschatz.
Deutschland müsste dann nicht noch einmal der Welt erklären, welches System das einzig richtige sei.
Vielleicht bestünde seine kulturelle Aufgabe gerade im Gegenteil:
zu zeigen,
dass aus Gegensätzen etwas Neues entstehen kann.
Nicht Ost gegen West.
Nicht Kapitalismus gegen Sozialismus.
Nicht Staat gegen Markt.
Nicht Individuum gegen Gemeinschaft.
Sondern:
Freiheit und Verantwortung.
Individualität und Gemeinschaft.
Geist und Materie.
Mensch und Natur.
20. Eine neue deutsche Einheit
Damit würde auch der Begriff der deutschen Einheit eine neue Bedeutung erhalten.
Einheit wäre dann nicht mehr:
gleiche Institutionen,
gleiche Parteien,
gleiche Medien,
gleiche Lebensweisen.
Ein lebendiger Organismus ist gerade deshalb eine Einheit,
weil seine Organe
verschieden
sind.
Das Herz muss nicht zur Lunge werden.
Die Lunge nicht zum Gehirn.
Gesundheit entsteht nicht durch Gleichmacherei.
Sie entsteht durch
differenzierte Zusammenarbeit.
Vielleicht war deshalb schon die Vorstellung falsch, Ostdeutschland müsse nach 1990 möglichst schnell Westdeutschland ähnlich werden.
Eine wirkliche Einheit hätte die Verschiedenheit beider Erfahrungsräume produktiv machen können.
Das könnte noch immer geschehen.
Schluss
Die Gesellschaft, die noch nicht existiert
Vielleicht wird man eines Tages auf die Konflikte unserer Gegenwart zurückblicken und sich wundern.
- Warum glaubten diese Menschen,
- dass Schulen vom Staat,
- Medien vom Kapital,
- Politik von Lobbyinteressen
- und Wirtschaft vom Renditedruck
abhängen müssten?
- Warum hielten sie Konkurrenz für natürlicher als Kooperation?
- Warum glaubten sie, gesellschaftlicher Erfolg lasse sich vor allem in Geld messen?
- Warum produzierten sie ständig mehr
- und hatten gleichzeitig immer weniger Zeit?
- Vielleicht wird man erkennen:
- Die eigentliche Revolution des 21. Jahrhunderts bestand nicht darin,
- noch eine Partei auszutauschen.
- Oder noch eine Regierung.
- Oder noch ein Wirtschaftssystem.
Sie bestand darin,
den Menschen und seine Würde wieder zum Maßstab zu machen.
Dann könnte aus dem deutschen Geist von Goethe, Schiller und Steiner etwas entstehen, das weder nostalgisch noch nationalistisch wäre.
Kein neues deutsches Sendungsbewusstsein.
Sondern eine mitteleuropäische kulturelle Aufgabe:
das Mechanische wieder mit dem Lebendigen zu verbinden.
- Den Staat auf das Recht zurückzuführen.
- Die Wirtschaft auf das menschliche Bedürfnis.
- Die Kultur auf die Freiheit.
- Und den Menschen auf seine Würde.
- Eine solche Gesellschaft wäre weder
- kapitalistisch im bisherigen Sinne
- noch sozialistisch im bisherigen Sinne.
Sie wäre
organisch.
Nicht zentral gesteuert,
sondern gegliedert.
Nicht gleichgemacht,
sondern verbunden.
Nicht vom Profit,
sondern vom Leben her gedacht.
Ihre drei Grundsätze wären einfach:
Freiheit für den Geist.
Gleichheit im Recht.
Brüderlichkeit im Wirtschaften.
Und vielleicht könnte gerade daraus eine neue Bedeutung von
deutscher Einheit
entstehen:
- nicht die Einheit eines Systems,
- nicht die Einheit einer Ideologie,
- nicht die Einheit einer zentralen Macht,
sondern
die lebendige Einheit freier Menschen, die einander als Gleiche anerkennen und füreinander wirtschaften.
Das wäre keine Rückkehr zu einem verlorenen Deutschland.
Es wäre der Versuch,
ein menschlicheres Deutschland erst noch zu schaffen.
+++++++++++++++++++++

Wendepunkt vom kritischen Rückblick zur konstruktiven Zukunftsperspektive: Nach Schulden-, Vermögens-, Reparations-, Arroganz- und Teilungsbilanz folgt nicht die Forderung „zurück“, sondern ein dritter Weg jenseits von DDR-Staatssozialismus und gegenwärtigem Markt-Staats-Komplex. Steiner selbst bezeichnete die Dreigliederung ausdrücklich nicht als abstrakte Utopie, sondern als aus den unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten des gesellschaftlichen Lebens hervorgehende Ordnung.


