Die Welt, die ihr uns beibringt

(inspiriert von Sarah Lesch – Testament, 2016) 

Ein Lied über verlorene Freiheit, angepasste Erwachsene und Kinder, die noch wissen, wer sie sind.

Strophe 1

Du bist doch auch mal barfuß gelaufen, hast gefragt, warum der Himmel so blau. Hast geglaubt, dass die Großen die Wahrheit kennen, und irgendwann warst du selber so schlau.

Dann hast du gelernt, deine Fragen zu schlucken, hast gelächelt, obwohl dir zum Heulen war. Hast dich angepasst, hast dich durchgeschlagen, und plötzlich war’n zwanzig Jahre vorbei.

Und jetzt sitzt du da mit deinen Erfolgen, deinem Haus und dem Ratenvertrag. Und fragst dich ganz heimlich beim Zähneputzen, warum dich dein Leben nicht glücklich macht.

Und während du wieder den Montag verfluchst und vom nächsten Urlaub träumst, stehen die Kinder mit offenen Augen daneben und fragen, was du eigentlich versäumst.

Refrain

Lasst doch die Kinder mal selber erzählen, wie sie die Welt wirklich seh’n. Vielleicht müsst ihr nicht immer alles erklären, vielleicht müsst ihr endlich versteh’n.

Die wissen noch, wie man vor Freude losrennt, wie man mit Bäumen spricht. Ihr nennt das naiv und ihr nennt euch erwachsen, doch vielleicht stimmt das alles nicht.

Und wenn ihr das Leben nennt, bin ich gern weltfremd, ich mach euren Wahnsinn nicht mit. Ihr habt euch das Leben so schön eingerichtet, dass keiner mehr merkt, was ihm fehlt.

Strophe 2

Ihr schickt eure Kinder in helle Gebäude, damit sie dort still sitzen lern’n. Dann zeigt ihr ein Bild von ’ner blühenden Wiese, die echte ist gar nicht so fern.

Ihr messt ihre Leistung in Punkten und Zahlen, ihr sagt ihnen, was wichtig ist. Und wer lieber träumt oder andere Fragen stellt, der hat eben den Unterricht verpasst.

Dann gibt’s einen Eintrag und Elterngespräche, vielleicht stimmt mit dem Kind etwas nicht. Denn wer seine Meinung zu deutlich ausspricht, der stört eure schöne Pflicht.

Ihr redet von Bildung, von Freiheit und Würde, von Förderung, Fortschritt und Glück. Und stopft ihre Köpfe mit Antworten voll, doch die Fragen, die bleiben zurück.

Refrain

Lasst doch die Kinder mal selber erzählen, wie sie die Welt wirklich seh’n. Vielleicht müsst ihr nicht immer alles erklären, vielleicht müsst ihr endlich versteh’n.

Denn Kinder sind keine unfertigen Menschen, die man nach Vorschrift verbiegt. Sie kommen mit etwas, das wir längst verloren, und das unter Lehrplänen liegt.

Und wenn ihr das Leben nennt, bin ich gern weltfremd, ich mach euren Wahnsinn nicht mit. Ihr nennt eure Anpassung persönliche Reife, ich nenn das den Anfang vom Knick.

Strophe 3

Dann werden die Kinder zu tüchtigen Leuten, sie leisten und zahlen und spar’n. Sie kaufen sich Dinge, die keiner braucht, mit Geld, das sie morgen erst hab’n.

Sie sitzen in Büros und starren auf Zahlen, und abends aufs leuchtende Glas. Und irgendwer sagt ihnen, was sie noch brauchen, und irgendwer verdient sich daran.

Ihr habt ihnen beigebracht, immer zu rennen, und keiner weiß mehr, wohin. Ihr habt ihnen alles Mögliche versprochen, nur irgendwie keinen Sinn.

Dann kommen die Krisen, die Pillen, die Coaches, der Urlaub zur Selbstoptimierung. Ihr nennt es Resilienz, wenn Menschen noch lächeln bei täglicher Überforderung.

Und wieder gibt’s Seminare und Regeln, damit man noch besser funktioniert. Doch keiner fragt, ob dieses ganze Funktionieren nicht gerade das Leben ruiniert.

Strophe 4

Ihr sprecht von Demokratie und von Freiheit, doch wehe, man denkt nicht wie ihr. Ihr sprecht von der Zukunft der nächsten Generation und schickt ihnen die Rechnung dafür.

Ihr erklärt uns den Frieden mit immer mehr Waffen, die Wahrheit mit fertigem Bild. Ihr redet von Toleranz und Vielfalt, solang jeder die richtige Meinung vertritt.

Ihr wollt eine Welt voller glücklicher Menschen, doch alles muss rentabel sein. Ihr zählt eure Werte in Aktien und Wachstum und nennt diesen Irrsinn dann frei.

Ihr habt sogar Wasser zur Ware gemacht und den Boden zum Spekulationsfeld. Und wer fragt, wem die Erde eigentlich gehört, hat offenbar nichts von der Wirtschaft verstanden.

Ihr verkauft uns die Angst und die Lösung gleich mit, die Krise und ihren Gewinn. Und nennt das System alternativlos, als wär da ein Naturgesetz drin.

Refrain

Und wenn ihr das Leben nennt, bin ich gern weltfremd, ich mach euren Wahnsinn nicht mit. Wenn Wachstum bedeutet, dass alles kaputtgeht, dann stimmt mit dem Wachstum was nicht.

Wenn Bildung bedeutet, dass keiner mehr selber denkt, wenn Freiheit nur Freiheit zum Kaufen ist, wenn Frieden bedeutet, dass wieder wer sterben muss, dann sagt mir, was ihr da vermisst.

Strophe 5

Ihr wart doch auch Kinder mit schmutzigen Knien, mit Geheimnissen, Träumen und Mut. Und irgendwer sagte, jetzt sei endlich Schluss, und irgendwann fandet ihr’s gut.

Man hat euch belohnt, wenn ihr brav funktioniert habt, und bestraft, wenn ihr anders gedacht. Und jetzt macht ihr weiter mit euren Kindern, was man früher mit euch gemacht.

Ihr nennt es Erziehung, ich nenn es Vererbung von Ängsten, die keiner versteht. Ihr gebt eure Wunden als Weisheiten weiter, bis wieder ein Kind daran geht.

Und dann schaut ihr traurig auf all diese Jugend, die angeblich nichts mehr verträgt. Vielleicht ist sie einfach nur müde vom Tragen der Last, die ihr ihr auferlegt.

Und vielleicht sind die Kinder, die laut widersprechen, nicht krank und auch nicht gestört. Vielleicht sind sie nur noch nicht so weit verbogen, dass man ihre Wahrheit nicht hört.

Brücke – gesprochen, langsam

Und wisst ihr, was ich wirklich nicht verstehe?

Ihr wisst doch selber, dass vieles nicht stimmt. Ihr schimpft auf die Schule, auf die Arbeit, auf die Politik, auf das Geld, auf die Medien, auf die da oben.

Und morgens steht ihr auf und macht genauso weiter.

Ihr kauft euch die Dinge, über deren Herstellung ihr euch empört. Ihr wählt die Bequemlichkeit, die euch die Freiheit nimmt. Ihr sagt euren Kindern, sie sollen selbständig denken, und werdet nervös, sobald sie euch widersprechen.

Und dann wundert ihr euch, dass die Welt so bleibt, wie sie ist.

Vielleicht braucht die Welt nicht noch mehr Menschen, die wissen, wie alles richtig geht.

Vielleicht braucht sie endlich Menschen, die aufhören, das Falsche mitzumachen.

Strophe 6

Ich will keine Kinder, die alles nachsprechen, was irgendein Lehrbuch erzählt. Ich will Kinder, die selber die Sterne betrachten und fragen, was hinter der Welt wohl noch zählt.

Die Fehler machen und wieder aufstehen, die lachen, wenn’s keiner versteht. Die manchmal allein gegen alle dastehen und trotzdem den eigenen Weg geh’n.

Ich will keine Menschen, die immer nur leisten, damit man sie irgendwann liebt. Ich will, dass ein Kind seinen Wert schon begreift, bevor man ihm Noten dafür gibt.

Ich will keine Freiheit auf Werbeplakaten, kein Glück aus dem Einkaufsregal. Ich will eine Welt, in der Menschen sich achten, und nicht nur als Wirtschaftszahl.

Und ich weiß, das klingt wieder furchtbar romantisch, naiv und wahrscheinlich nicht klug. Doch wenn eure Vernunft diese Welt hier erschaffen hat, hab ich von der Vernunft erst mal genug.

Schlussrefrain

Lasst doch die Kinder mal selber erzählen, vielleicht haben die wirklich was drauf. Vielleicht hört ihr endlich mal auf, sie zu formen, und hört ihnen einfach mal zu.

Und wenn ihr das Leben nennt, bin ich gern weltfremd, ich bleibe lieber unbequem. Denn wenn alle das Falsche für richtig erklären, muss irgendwer aufstehen und geh’n.

Und wenn ihr das Leben nennt, bin ich gern weltfremd, ich mach euren Wahnsinn nicht mit. Ich will nicht, dass Kinder erst erwachsen werden, bis keiner mehr merkt, was ihnen fehlt.

Outro

Und falls ihr jetzt glaubt, das wär alles zu einfach, dann habt ihr vielleicht sogar recht. Die Welt wird nicht heil, weil einer ein Lied singt, und morgen wird’s auch nicht perfekt.

Doch irgendwo sitzt gerade wieder ein Kind, das fragt, warum Menschen sich hassen. Und irgendwer sagt ihm, so sei nun mal die Welt, und es müsse das langsam erfassen.

Ich hoffe, das Kind hört nicht auf diesen Menschen. Ich hoffe, es fragt einfach weiter.

Denn vielleicht wird die Welt erst dann menschlicher, wenn Kinder nicht werden wie wir.

Musikalische Vorstellung:

Ein gesellschaftskritischer Liedermacher-Song, zunächst fast erzählend zur akustischen Gitarre, dann zunehmend drängend, mit einem eher gesprochenen Mittelteil und einem stillen, nachdenklichen Ende.

Der Text ist bewusst nicht versöhnlich. Sein zentraler Widerspruch lautet: Die Erwachsenen wollen ihre Kinder lebenstüchtig machen, aber sie bereiten sie auf eine Lebensweise vor, deren Sinn sie selbst längst bezweifeln.

Bildquelle: Auf dem Video